Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)
Hauptmann Jihn des Generalstabs-Corps: Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen
154 Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen. als Auskunftsmittel für den Fall bezeichnet hatte, wenn der Beschluss zur Vereinigung der Armeen hei oder oberhalb Breslau nicht zu erlangen wäre. So sehr hatte sich Caramelli auf dieser falschen Bahn verrannt, dass er, als die Entschlüsse der russischen Generale endlich, wenigstens der Hauptsache nach, in dem von österreichischer Seite gewünschten Sinne ausfielen, in seinem diesbezüglichen Berichte wie von einem Ergebniss spricht, das er trotz aller Mühe nicht habe verhindern können *). Liesse sich nicht aus den vorliegenden Acten zugleich der Nachweis erbringen, dass sowohl der Staatskanzler, als Laudon dieses Verfahren missbilligten und dass Caramelli von keiner anderen Seite Befehle erhielt, so müsste man wirklich glauben, dieser General habe geheime, mit den officiellen nicht übereinstimmende Instructionen gehabt. Dies war aber in der That nicht der Fall, denn schon nach dem Eintreffen der ersten Berichte Caramelli’s über seine Verhandlungen mit Buturlin erklärt sich Kaunitz mit dem Verhalten des Generals nicht einverstanden und empfiehlt Laudon zugleich, den Russen deutlich sagen zu lassen, was man österreichischerseits wünsche und beabsichtige2). In ähnlicherWeise schrieb Laudon am 23. Juni, nach Empfang der unter dem 14. desselben Monats von Wien abgefertigten Copie der Instruction Elisabeth’s für Buturlin (vom 28. Mai), an Caramelli, welchem er unter Hinweisung auf den in dieser Instruction enthaltenen cndgiltigen Beschluss betreff der Vereinigung nächst Breslau den Auftrag ertheilte, im Sinne dieses Planes immer fortzuarbeiten und dessen Vollzug auf das sorgfältigste zu befördern, nachdem „das Wahre und Eigentliche, einen vortheilhaften Frieden zu überkommen, darin bestünde, dass der König erst aus dem Felde geschlagen werden müsste, und dieses zu bewerkstelligen die Vereinigung beider Armeen das einzige Mittel sei“. Zur Herbeiführung der Vereinigung wolle Laudon daher „alles in der Welt“ beitragen, und er werde auch „ausser aller Schuld sein, wenn dem ungeachtet, wider besseres Ver- muthen, andere zu diesem Zwecke nicht abzielende Massregeln sollten genommen werden“ 3). Auch konnte Laudon nicht umhin, dem General die Missbilligung seines bisherigen Vorgehens auszusprechen, ja noch mehr, der Feld- *) *) Kriegs-Archiv 1761; Fase. Vf, 63, Acten des Laudon’sehen Corps. Caramelli erklärt, und das scheint der für ihn massgebende Grund gewesen zu sein, er könne die gefassten Entschlüsse um so weniger als einen verlässlichen Operationsplan an- selien, als Buturlin seihst ihm gesagt habe, dass das Weitere sich erst während des Marsches zeigen und ergeben würde. Dass der in Rede stehende Missgriff aber nur dem Übereifer Caramelli’s entsprang, darüber kann kein Zweifel bestehen, sonst hätte Laudon den General im Juli nicht ein zweites Mal zu der wichtigen Mission eines ausserordentlichen Bevollmächtigten im russischen Hauptquartier ausersehen. 2) Schreiben an Laudon vom 13. Juni. Kriegs-Archiv 1761; Fase. VI, 37, Acten des Laudon’schen Corps. 3) Kriegs-Archiv 1761; Fase. VI, 61a, Acten des Laudon'schen Corps.