Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
IV. Der bayerische Erbfolgekrieg 1778—1779. 385 vermehrt und hiedurch auf einen Gesammt-Etat von 280.000 bis 300.000 Mann gebracht werden. Gleich nach Beendigung des siebenjährigen Krieges hatte der König Anordnungen bezüglich der Eintheilung der Armee nach den Waffen in General-Inspectionen, Verbesserung des Werbesystems, Beschleunigung und Vereinfachung der Mobilmachung etc. erlassen. In Betreff der letzteren wurde im Jahre 1773 verfügt, dass die von Berlin entfernt liegenden Truppenkörper mit Marschplänen versehen werden, vermöge welcher sie sich eventuell ohne weitere Anfragen und Instructionen kriegsmässig zu ergänzen und gegen bestimmte Marschobjecte in Bewegung zu setzen hatten. Hiernach sollten die Regimenter der westphälischen Inspection in 17 Tagen, einschliesslich der Ruhetage, bei Halberstadt — dem gemeinsamen Versammlungsorte eines Theiles der Armee — eintreffen. Ungeachtet der die Schlagfertigkeit und Marschbereitschaft der Armee steigernden und die Manövrirfähigkeit und Schlagfähigkeit verbessernden Vorschriften und Reglements war bei Ausbruch des bayerischen Erbfolgekrieges das preussische Heer nicht mehr dasselbe, was es im siebenjährigen Kriege gewesen. Die vielen Beurlaubungen im Frieden, die zum grossen Theile aus geworbenen Ausländern zusammengesetzten Bataillone und Regimenter, die grosse Anzahl altersschwacher Generale an der Spitze der Truppen, welche im letzten Kriege Vorzügliches geleistet hatten, den Strapazen eines neuen Feldzuges aber nicht mehr gewachsen waren, hatten den Geist des Heeres niedergedrückt, die Unternehmungslust herabgestimmt, die kriegerische Thätigkeit einigermassen gelähmt. Die Einwirkungen des Alters und der Körperschwäche, welche sich bei dem obersten Kriegsherrn bereits fühlbar gemacht hatten, spiegelten sich in dem Heere wieder. Friedrich s II. durch körperliche Leiden geschwächter Geist war keiner kühnen Entschlüsse und rascher Ausführungen mehr fähig. In richtiger Würdigung der bedeutend angelegten Natur seines Gegners, des Kaisers Josef II., und der Kampflust des von diesem gebildeten österreichischen Heeres entsagte er allen früheren subtilen Combinationen und mit grossen Wagnissen verbundenen Unternehmungen, um nicht die Früchte seiner Siege zu verlieren und den Nimbus seines Ruhmes zu verdunkeln. Das Alter drückte gewaltig auf den heldenmüthigen Greis; sein körperlicher Zustand gestattete ihm nur mit äusserster Anstrengung das Pferd zu besteigen. Der König stellte sich nicht mehr mit dem Muthe an die Spitze des Heeres, der in früheren Zeiten Alles begeisterte und mitriss. Er war niedergeschlagen, traurig, unzufrieden mit Allem, was ihn umgab. Sein Anblick erfüllte Jeden, der sich ihm nahte, mit beunruhigenden Empfindungen etc *). ') Schmettau: „Mémoires raisonnés etc.“.