Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
370 sein, die beiden grossen Königreiche Galizien und Ungarn zu schützen. Ich sage nichts von unseren Besitzungen in Italien und den Niederanden und von unseren neuen Gebietserwerbungen in Bayern. Alle diese Länder müssten preisgegeben werden. Woher sollte man unter diesen Umständen die Hilfsmittel nehmen, diesen grausamen Krieg zu führen, wenn man schon bei seinem Ausbruch fünf Länder von solchem Umfange und solcher Bedeutung opferte? Welches Vertrauen und welchen Credit würden ähnliche Massnahmen im Auslande erzeugen, um uns Alliirte und Geldmittel zu verschaffen ? Wie würde sich der Credit in dem niedergedrückten, im Frieden schon mit Steuern überladenen Inlande gestalten ? Einmal entbrannt, könnte dieser Krieg nur mit dem gänzlichen Ruin Österreichs endigen und dieser Ruin würde allein den Rest Europa’s retten können. Zur Herbeiführung eines solchen Zustandes kann ich nicht die Hände bieten, denn es handelt sich dabei um Alles. Täuschen wir uns nicht. Selbst wenn unsere Armeen glücklich wären, so würde dies zu nichts führen. Zwei oder drei gewonnene Schlachten würden uns nicht einen Kreis in Schlesien erwerben lassen, es würde vieler Feldzüge und Jahre bedürfen, um zum Ziele zu gelangen.“ „Die Erfahrungen des Jahres 1757 müssen uns überzeugen, dass man den Feind nicht so leicht niederwerfen kann, die Kriegführung selbst verschafft ihm Zeit, sich wieder zu erholen und zu Kräften zu kommen. Man muss daher darauf rechnen, dass selbst im glücklichsten Falle es nothwendig sein wird, den Krieg drei bis vier Jahre lang fortzusetzen. Dieser Zeitraum wird aber ganz Europa gegen Österreich in die Waffen rufen, um es nicht zu mächtig werden zu lassen, da man schon zu viel Misstrauen gegen dasselbe hege. Ich wüsste keinen Freund oder Alliirten zu nennen, auf welchen unter diesen Umständen sich mit Sicherheit rechnen liesse. Man muss daher nicht allein unsere Ressourcen gegen jene des Königs von Preussen, sondern auch gegen die der übrigen Mächte abwägen, die unserer Vergrösserung abgeneigt sind, und ihre Zahl begreift ganz Europa in sich. Wie könne man letzterem die Stirne bieten? Die Zeit selbst ist uns ungünstig. Je mehr der Krieg sich in die Länge zieht, desto mehr Feinde werden wir zu bekämpfen haben, die sich nach und nach gegen uns erklären. Bei Ausbruch des Krieges dürfen wir aus militärischen Gründen eine entscheidende Schlacht nicht liefern, sondern müssen, um Zeit zu gewinnen, den König von Preussen festzuhalten und unsere zu mehr als einem Drittel aus jungen, unerfahrenen Truppen zusammengesetzte Armee an den Krieg zu gewöhnen suchen. Aber selbst dieses für militärische Operationen nützliche Intervalle würde sich anderseits zu unserem Nachtheile wenden.“ „Die Überlegenheit der königlichen Armee an leichten Truppen würde es dieser möglich machen, während wir die Häuptkraft im Schach halten, unsere Provinzen zu Grunde zu richten und unsere