Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
IV. Der bayerische Erbfolgekrieg 1778—1779. 371 Hilfsquellen zu erschöpfen. Inzwischen aber würden sich unsere Nachbarn durch die Intrigue des Königs von Preussen aufstacheln lassen, find mit dem gleichen Recht, mit welchem Österreich in Polen und Bayern eingerückt ist, in die österreichischen Länder einfallen Österreich hat daher in jedem Falle nur zu verlieren. Da man auf einem Punkte die gesammten Streitkräfte vereinige, so sei es um den Staat geschehen, wenn der Krieg ungünstig verlaufe. Es wäre ein Unglück, wenn dieses, obgleich sehr wahre Gemälde zur Kenntniss Anderer, selbst zu jener unserer eigenen Unterthanen gelangen würde; ich entwarf es nur deshalb, um zu sehen, ob sich nicht noch ein Mittel finden liesse, das drohende grosse Missgeschick abzuwenden. Sei das Schwert einmal gezogen, so werde es zu spät zum Unterhandeln sein. Das Wohl von Tausenden, die Existenz der Monarchie und die Erhaltung unseres Hauses hängen davon ab. Nach Allem, was ich gesagt, muss ich erklären, dass ich mich nicht immer dazu hergeben kann, gegen mein Gewissen und meine Überzeugung zu handeln; dies ist weder üble Laune noch Zaghaftigkeit. Ich fühle noch dieselben Kräfte in mir, wie vor dreissig Jahren, aber ich kann mein Haus und meine Staaten nicht zu Grunde richten lassen. Wenn der Krieg ausbricht, so rechnet auf mich gar nicht mehr; ich werde mich nach Tyrol zurückziehen, dort meine Tage in der grössten Zurückgezogen heit beschliessen, nur damit beschäftigt, das unglückliche Los meines Hauses und meiner Völker zu beweinen und nach einem christlichen Ende meiner unglücklichen Tage sterben.“ Die Schilderung der kriegerischen Ereignisse wird darlegen, dass dieser, von einer um das Wohl ihrer Völker besorgten, durch mehrjährige Kämpfe mit einem furchtbaren Feinde eingeschüchterten, unter den schweren Regierungssorgen gebeugten Landesmutter, verfasste Brief nicht ganz gerechtfertigt war; sie wird zeigen, wie die in dem Schriftstücke niedergelegte Meinung der Kaiserin auf die Kriegsoperationen lähmend eingewirkt und die österreichischen Heerführer oft verhindert hat, aus der passiven Defensive in eine active überzugehen und mittelst Offensivstössen die Entscheidung zu geben. Die Bedenken und die düsteren Anschauungen Maria Theresia’s einerseits, die Kampflust und der Unternehmungsgeist ihres Sohnes, des Kaisers Josef, anderseits hielten sich gegenseitig das Gleichgewicht und verurtheilten die Armee zu einer Untliätigkeit, welche Preussen sehr zu Statten kam. Bei der Theilnahmslosigkeit und Ohnmacht Frankreichs war durch die Natur der Dinge die entscheidende Schiedsrichterrolle in den Streitigkeiten zwischen Österreich und Preussen dem St. Petersburger Hofe zugefallen. Das Wiener Cabinet hatte schon Anfangs Februar eine Declaration in Constantinopel überreichen lassen, deren Inhalt besagte, dass der kais. königl. Hof die Forderungen und Zumuthungen Russlands nicht allein völlig billige, sondern dass er auch der Pforte