Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)
Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution
IV. Der bayerische Erbfolgekrieg 1778—1779. 359 Er spreche daher die Erwartung aus, dass man zu weiteren freundschaftlichen Auseinandersetzungen gegenseitig sich bereit finden und Mittel ausfindig machen werde, die wichtige Angelegenheit der bayerischen Nachfolge den Gerechtsamen der betheiligten Höfe und den Reichssatzungen gemäss zu schlichten. Dieser Versuch, den Wiener Hof zum Rückzüge und Widerrufe der bereits verfügten Massnahmen durch Vorstellung zu bewegen, war mehr darauf berechnet, Zeit zu Unterhandlungen mit Frankreich und Russland zu gewinnen und durch Meinungsaustausch die Dispositionen ihrer Cabinete kennen zu lernen, als den Fürsten Kaunitz von der, nach des Königs Ansicht, verwerflichen Politik in der bayerischen Nachlassenschaftsfrage zu überzeugen. Um seinen Vorstellungen mehr Nachdruck zu geben, berief Friedrich II. die Generale um sich und hielt kriegerische Anreden. Bis zu diesem Augenblicke glaubte Kaiser Josef noch immer nicht an den Ernst der Situation und hielt den gütlichen Austausch österreichischen gegen bayerisches Gebiet für gewiss, wie dies aus den Briefen vom Ende Januar 1778 an seinen Bruder Leopold hervorgeht: „Unser Entschluss“, schreibt er, „ist ein guter gewesen und wird sowohl vortheilhaft sein, als uns Ehre machen und Ansehen verleihen. Jedermann scheint zufrieden und ruhig und wir warten noch auf die Tauschvorschläge, die man uns machen wird. Ich weiss schon, dass die Bayern uns die Oberpfalz und das Sulzbacher Land anbieten wollen; aber das passt uns nicht, wir brauchen die Inn-Grenze, das ist die Hauptsache. — Frankreich hat sich noch nicht ganz deutlich erklärt, aber mag es im Grunde wüthend sein, ich sehe nicht ein, was es sagen oder thun kann, zumal es sich am Vorabend eines Krieges mit England befindet Der König von Preussen ist sehr übel gelaunt und klopft an allen Thüren, um zu sehen, ob man gemeinschaftliche Sache mit ihm machen wird; aber wenn er sie insgesammt verschlossen findet, so wird er nicht wagend, allein vorzugehen, sich in Geduld fassen müssen, und zu Jedermanns Erstaunen wird so diese Angelegenheit, wenn ich nicht irre, sehr ruhig verlaufen.“ Die kriegerischen Vorgänge in Berlin machten den Kaiser zuerst auf die von preussischer Seite drohende Gefahr aufmerksam, ohne indessen seine Vorsätze im mindesten zu beeinflussen. Der König täuschte sich gewaltig, wenn er, durch Erwecken der Kampfeslust im Volke und Heere, Österreich einzuschüchtern und nachgiebig zu stimmen vermeinte. Kaiser Josef II. war der Monarch nicht, bei dem man durch Drohungen Zugeständnisse erzwingen konnte. Zwar leitete seine erlauchte Mutter, die Kaiserin Maria Theresia, noch immer die Staatsgeschäfte, aber ihr Sohn hatte über die Vertheidiger des Vaterlandes zu gebieten. Hieraus konnte gefolgert werden, wie die österreichische Antwort