Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1882)

Kaiser Josef II. als Staatsmann und Feldherr - J. Nosinich, Oberst im k. k. Kriegs-Archive: Österreich Politik und Kriege in den Jahren 1763 bis 1790; zugleich Vorgeschichte zu den Kriegen Österreichs gegen die französische Revolution

IV. Der bayerische Erbfolgekrieg 1778—1779. 351 sprach sich der Staatskanzler dahin aus, es sei zu befürchten, dass Pfalz und Sachsen und vielleicht auch Frankreich in nicht zu langer Zeit die bayerische Successionsfrage in Anregung bringen und eine Verständigung der betheiligten Parteien bewirken könnten, um nur die Absichten Österreichs zu vereiteln, wenn letzteres nicht rechtzeitig die Sache in die Hand nähme. Alles in Allem in Anschlag gebracht, calculirte schliesslich Fürst Kaunitz, könnte das ganze bayerische Gebiet dem Inn entlang bis an die Tiroler Grenze erworben werden, ein Landstrich, der zur Abrundung Österreichs dienen würde und welchen man schon in älteren Zeiten besessen habe. Allerdings wäre es am besten und auch am erwünschesten, den ganzen Complex der bayerischen Lande mit Österreich zu vereinigen. Sollte es notli- wendig erscheinen, Kurpfalz oder einige andere Höfe heranzuziehen, so könnten die österreichischen Vor lande oder die Niederlande als Ausgleichsobject benützt werden. Zum zweiten Male wurde die bayerische Erbfrage drei Jahre nachher 1767 von Kaiser Josef mittelst eines Memoires „Deliberanda“ in Erwägung gezogen. In dieser Staatsschrift warf der Kaiser unter an­derem die Frage auf, welche Massnahmen von nun an bezüglich Ans­bachs und Bayerns, dannderWürttembergischen Erbfolge zu treffen wären, wie zu verhindern sei, dass sich Württemberg nicht ganz in die Arme Preussens werfe. Im Jahre 1770 kam endlich Friedrich II. selbst auf die bayerische Succession zu sprechen. In einer Unterredung, welche er mit dem österreichischen Gesandten am Berliner Hofe, Grafen Nugent, hatte, bemerkte der König, welch’ ein Übelstand es sei, wenn die ver­schiedenen Provinzen eines Staates mit einander nicht in Verbindung ständen, sondern von fremdem Gebiete durchschnitten werden. Zum Beispiel würde Bayern für Österreich ganz passen und beim Erlöschen des Kurhauses eine hübsche Abrundung gewähren. Nugent gab zur Antwort: Der Kaiser würde sieb der Staaten eines Anderen nicht bemächtigen, aber seine legitimen Rechte gewiss mit Entschiedenheit geltend machen; er selbst wisse blos, dass einige Lehen beim Aus­sterben des bayerischen Hauses an Österreich fallen dürften. Oh, was diese betrifft, erwiderte der König, wird Niemand sie Euch streitig machen. Er erwähnte ferner des Elsasses und Lothringens und ent­warf Kriegspläne zur Eroberung dieser ehemaligen Provinzen des deutschen Reiches'), wobei er zwei Feldzüge zur Ausführung einer derlei Unternehmung für erforderlich hielt. Während der Zusammenkünfte in Neisse und Neustadt wurde die bayerische Erbfolgefrage weder von der einen noch von der andern 1 1) Vergleiche: „Reflexions sur les projets de Campagne“ in „Oeuvres de Fre­deric le Grand“, Tome XXVIII. 25*

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