Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)
Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv
40 Das Bildungswesen im österreichischen Heere in kurzer Zeit in dieser Absicht in keinem Verhältniss mehr stehen, sondern sich dahin lenken werden, wohin die Neigung der Regimenter entweder zur Musik oder zur höheren Gelehrsamkeit gerichtet ist, wodurch also eines mit dem anderen verdorben würde *).“ Dieser mit bitterem Humor abgefasste Erlass, welcher tief einschneidende Kritik übt, beweist, dass der kaiserliche Hofkriegsrath das Hauptgebrechen, an dem die Institution von ihrer Gründung an (bis zur Aufhebung) litt, gleich anfänglich erkannte und dagegen ankämpfte. Selbst in den ersten Jahren der Errichtung gewährte dieselbe nicht den erwarteten Nutzen für die Armee, denn der Ausweis pro 1785 lautet: 2 Officiers-Söhne nach Neustadt, 15 Officiers-Söhne als k. k. ordinäre Cadeten, 2 Soldatenkinder als Fouriere, 31 als Gemeine, 27 als Spielleute zu den Regimentern ausgemustert, 37 zur Versorgung in das Civile zurückgegeben, 3 desertirt und 79 verstorben 2). Dagegen prosperirte das Materielle; schon zu jener Zeit bestand das Stiftungs- Capital in 1,268.537 fl. 23s/8 kr., welches, zu 5, 4 und 3%°/0 verzinst, 48.725 fl. 13 kr. jährlich an Interessen abwarf; ausserdem kamen durch Vermächtnisse und Schenkungen und bestimmte Zuflüsse schon 1785: 132.774 fl. 36 kr. zu dem Hauptfond. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, wie unter den allgemein günstigen Vorbedingungen eine mit so viel Menschenliebe hervorgerufene Schöpfung nicht gedeihen wollte, da doch der strenge militärische Befehl als ultima ratio dem Hofkriegsrathe zur Verfügung stand. Im Staaten- wie im Völkerleben zeigt die Geschichte nur eine allmälige, äusserst langsam fortschreitende Entwickelung. Kaiser Josef, „der Schätzer des Menschen“, strebte ein Erziehungsprincip an, für welches der Boden noch nicht hinreichend vorbereitet war, um den kostbaren Samen aufzunehmen. Und so kam es, dass nur Wenige ihn verstanden, dass auf dem von ihm bestellten Acker der Spelz den gesäeten kostbaren Weizen überwucherte. Aber nicht in den Menschen, sondern in den Verhältnissen jener Zeit lag die Ursache. Im Lager und auf den Schlachtfeldern hatte der von der Pike auf gediente — am Gymnasium oder an der Universität der adelige Regiments-Commandant seine Bildung genossen, und das pädagogische Element widerstrebte der Wesenheit nach dem kriegerischen Geiste der kaiserlichen Armee des achtzehnten Jahrhunderts. Hatte dasselbe auch in den letzten Decennien allenthalben in Österreich Wurzeln geschlagen und selbst Ähren getrieben, so blieb das Heer vorläufig noch unberührt. Mancher Commandant eines kaiser*) Hofkriegsrätlilieher Erlass, Lit. 1212, vom 20. März 1784. 2) Vortrag des Hofkriegsratlies vom 13. Hornung 1786, Nr. 147.