Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)

Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv

28 Das Bildungswegen im österreichischen Heere alle Zweige der staatlichen Institutionen bleiben konnte. Die Macht desselben, nur in seinen Thatäusserungen fühlbar, lud auf die meisten Schöpfungen in diesem Zeitabschnitte das Odium des Missgriffes. Jeder mit Vehemenz bewirkten Veränderung lange bestandener staatlicher Verhältnisse müssen Ausgleichungsbestrebungen folgen, für welche vom Parteistandpunkte aus in gehässigem Sinne des Wortes der Ausdruck „Reaction“ gebraucht wird. Die Weltgeschichte lehrt uns aber, dass zu jeder Zeit nicht nur auf politischem und reli­giösem, sondern auch auf jedem anderen Gebiete, der gewaltsamen, plötzlichen Änderung des Bestehenden die Reaction, als Naturgesetz, dem auch der Organismus des einzelnen Menschen unterworfen ist, auf dem Fusse folgte. Den Beweis dafür liefert eben die Gegenwart, welche sich als eine in allen Schichten der Gesellschaft nur zu sehr empfundene Reactions-Periode des überstürzten und darum nicht naturgemäss entwickelten volkswirthschaftlichen Strebens darstellt. Auf geistigem Gebiete folgte der Reaction zu allen Zeiten ein vermehrter Aufschwung mit wachsender Erkenntniss, und diese war auch im Heere eine unleugbare Thatsache mit den günstigsten Folgen. Aber abgesehen von all’ dem durften die in diesem Zeitab­schnitte geschaffenen Institutionen für das Militär-Bildungswesen schon vorweg keinen Anspruch auf Stabilität machen; denn auch in völlig anderer Form hätten sie immer nur ein Übergangs-Stadium von alten zu neuen, gänzlich veränderten Zeitverhältnissen bilden können, die aber damals wohl Niemand vorherzusehen vermochte. Es ist dies eben der langsame, allmälige Entwicklungsprocess, den auch das staatliche Unterrichtswesen durchmachen musste, ehe es an das heute erreichte Ziel gelangen konnte. Ungeachtet localer Stauungen entwickelte sich bei gleichzeitiger Nivellirung der früher so scharf ausgeprägt gewesenen Standesunter­schiede nicht nur auf allen Gebieten der geistigen, sondern überhaupt der menschlichen Thätigkeit ein nie geahnter Fortschritt. Das Kriegswesen, in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts noch immer mehr oder weniger einseitig und fast lediglich auf das Ein­wirken der physischen Gewalt basirt, machte für seine Zwecke innerhalb weniger Decennien nahezu alle Erfindungen des Menschen- geistes dienstbar, so dass das fachliche Wissen, früher in gewisse Grenzen gebannt, diese mehr und mehr erweitern musste. Ungerecht wäre es, diesem Zeitabschnitte das Verdienst, den nächstfolgenden vorbereitet zu haben, absprechen zu wollen. Es darf ja nur auf die Reformen und neu in’s Leben gerufenen Unterrichts- Anstalten für die Heeres-Administration hingewiesen werden. War diese in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein schwerer Alp, so hatte sie sich durch vernünftige Schulung vom Jahre 1852 an nach und nach von einem Hemmschuhe zu einem wichtigen Förderungsmittel

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