Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)
Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv
18 Das Bildungswesen im österreichischen Heere die Sonderung der Wissenschaft über Kriegführung im Grossen von der „reinen und angewandten Taktik“ an, wie: „Allgemeine Grundsätze der Taktik“ u. s. w. Immerhin erschienen, so wie heute, noch militärische Encyklopädien. Auch die Artillerie - Wissenschaft ging allmälig einem Klärungsprocesse entgegen, obschon die Autoren sich lange nicht von der Cumulirung der sämmtlichen in das Artilleriewesen einschlägigen Materien losschälen konnten. In einzelnen Com- pendien finden sich auch Artillerie- und Ingenieur-Wissenschaft, und erst gegen Ende des Zeitabschnittes erschienen Lehrbücher der Artillerie-Wissenschaft (1795), und es machte sich der Fortschritt in den Realien geltend, wie z. B. 1789: das „Lehrbuch der chemischen Artillerie“. Die schon frühzeitig in der Literatur zahlreich vertretene und umfassende Ingenieur-Wissenschaft erweiterte sich durch Werke über Feldbefestigung, deren Kenntniss auch dem Infanterie - Officier zu- gemuthet wurde. Von den „Vorbereitungs-Wissenschaften“, die wir heute „Hilfswissenschaften“ nennen, war die Mathematik in verschiedenen Dis- ciplinen durch zahlreiche und auch hervorragende Leistungen vertreten. Uber Naturwissenschaften und Technik dagegen erschienen erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts vereinzelte Special-Werke, wie 1780: „Expe- rimental-Physik“, 1783: „Physikalisch gemischte Schriften“ u. a. m. Zur Erwerbung von Detail-Kenntnissen über Gestaltung und Beschaffenheit des Bodens in den verschiedenen Reichen war in diesem Zeitabschnitte wohl viel und Wichtiges geschehen. So z. B. wurde unter Kaiser Josef II. die Landesaufnahme: „in Ungarn (1782—1784), im Banat (1769—1772), Slavonien (1782 —1784), Croatien (1776—1784), Siebenbürgen (1769—1773), Galizien (1781—1784), Schlesien (1763, rectificirt 1779—1781), Mähren (1779—1781), Böhmen (1769, rectifi- cirt 1780—1785), Erzherzogthum Österreich (1773—1781), Steiermark, Kärnten und Krain (1784—1785), endlich in den Niederlanden (1777) bewirkt *)“. Aus leicht begreiflichen Gründen bewahrten aber die Regierungen jener Zeit namentlich die Ergebnisse der Thä- tigkeit auf diesem Gebiete als strenges Geheimniss, um den muth- masslichen Gegnern die wichtigsten Mittel zum Entwürfe und zur Durchführung der Kriegs-Operationen nicht selber darzubieten. Unter solchen Verhältnissen musste der Fortschritt in der Erdkunde zurückgestaut bleiben. Die bezüglichen Publicationen bestanden entweder aus dürftigen Compendien über die politische und mathematische Geographie oder in geographisch-statistischen Reisehandbüchern, welch’ letztere das in Mode gekommene Reisen hervorgerufen hatte. Die Schwierigkeit des Verkehres liess die Länderkenntniss so lange hinter den anderen Wissenschaften zurück, und darum wurde dieselbe *) *) Karten-Archiv des k. k. Kriegs-Archivs.