Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)

Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv

vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. 17 Bei der immer klareren Sonderung der verschiedenen Haupt­materien nahm auch die Militär-Literatur specifische Gestalt an, indem die rein militärischen sich von den Hilfswissenschaften loslösten. An die Officiere, als Träger des Heereswesens, richtete sich die Forderung: die Kunst der Kriegführung zu studiren, mit dem Hin­weise, dass die richtige Erfüllung der Berufspflicht ohne eine gewisse Summe von Vorkenntnissen unmöglich sei. Die militärischen Schriftsteller jenes Zeitabschnittes gingen der blossen Empirik hart zu Leibe und übten über das Kriegswesen ver­flossener Zeiten unter anderen folgende Kritik: „Man bildete sich ein, dass es genug wäre, viel gesehen zu haben, um viel zu wissen; . . . man glaubte das Ansehen des Kriegers in einer gewissen Reihe von Dienstjahren suchen zu müssen; . . . glücklich ausgeschlagene Unter­nehmungen bestimmten seinen Werth Derselbe Autor zählte zu den vorbereitenden Wissenschaften: „Religion, die deutsche, lateinische, französische, welsche Sprache, die Zeichnungskunst und bürgerliche Baukunst, und von den schönen Wissenschaften die Götterlehre und Alterthümer“; zu den Vorberei­tungs-Wissenschaften: „Reine und angewandte Grössenlehre, Geschicht- kunde, Erdbeschreibung, Statistik, Vernunftlehre, Sittenlehre, Natur- und Völkerrecht und Kriegsrecht“; endlich „zu den wirklichen Kriegswissenschaften“: „Geschützwissenschaft, Kriegsbau Wissen­schaft, Taktik“. Selbstverständlich war damit nicht gemeint, dass jeder Officier die Gesammtheit dieses Wissens in sich tragen müsse; im Gegentheile wurde eine richtige Theilung je nach der Berufs-Sphäre als unerlässlich bezeichnet. Diese wenigen Daten dürften wohl als Beweis genügen, dass die Erkenntniss, wie nothwendig die umfassende Bildung des Officiers sei, dem verflossenen, und nicht, wie Viele in der Gegenwart zu glauben geneigt sind, der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts ange­hört; diese geüiesst nur die völlig reifen Früchte eines langwierigen Ringens und Strebens. Ein Rückblick auf den Stand der Fach-Literatur jener Zeit zeigt, inwieferne und in welchem Masse die „Vorbereitungs-“ und „wirk­lichen Kriegswissenschaften“ vertreten waren, wenngleich hier nur von dem allgemeinen und nicht specifisch österreichischen Fortschreiten der Militär-Literatur die Rede sein kann. Wohl erscheint der Umfang und die Zahl der Materien im Vergleiche zur Gegenwart ziemlich klein, aber beides stand in Rücksicht auf die Art der Kriegfüh­rung und der zu Gebote gestandenen Mittel in richtigem Verhältnisse. Werke, wie: „Versuch über den grossen Krieg, 1763“ u. a. m., bahnten *) *) Nicolai: „Versuch eines Grundrisses zur Bildung des Officiers“. Ulm 1775 (k. k. Kriegs-Bibliothek). Österr. militär. Zeitschrift. 1878. (Mittheilungen des Kriegs-Archivs.) 2

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