Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 3. (1878)
Das Bildungswesen im österreichischen Heere vom dreissigjährigen Kriege bis zur Gegenwart. (Beitrag zu Culturgeschichte Österreichs.) Nach Originalquellen von Josef Ritter Rechberger von Rechkron, Major im k. k. Kriegs-Archiv
16 Das Bildungswesen im österreichischen Heere verschieden sein, die bei Maria Theresia’s Regierungsantritte herrschten; denn das Reformwerk auf allen Gebieten hatte durch nahezu zwei Generationen mit ununterbrochener und stetig gesteigerter Kraft fortgewirkt. Wesentlich trugen hiezu jene Verbesserungen bei, welche die Hochschulen erfuhren, und die Maria Theresia „in einem Zustande des tiefsten Verfalles gefunden hatte')“. Sie wurden durch die Staatsgewalt, welche sich eben damals ihrer ganzen Machtfülle bewusst zu werden anfing, einer systematischen Neuordnung unterworfen. Den Realwissenschaften aber bahnte sie durch Errichtung von Lehrkanzeln an den verschiedenen Lehranstalten nach und nach (1751, 1752, 1757, 1763, 1770 u. s. w.) ihren Weg, da wegen Mangels an Unterrichtsmitteln und Lehrkräften bezügliche Fachschulen nicht sogleich in’s Leben gerufen werden konnten. Durch das Zusammenwirken aller dieser geistigen Hebel hatte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts allmälig eine vierte Gesellschaftsclasse herausgebildet, die, sich vermehrend, an Bedeutung und für das Gedeihen des Ganzen an Einfluss gewann. Es waren dies „die Honoratioren“, denen die auf der Mittelstufe stehenden Staatsund die höheren Gemeindebeamten, die Rechtsgelehrten, Arzte und überhaupt jene Bürger zugezählt wurden, deren Erwerbszweige höhere Grade fachlicher und damit auch geläuterterer socialer Bildung erheischten. Bezüglich der Beamten hatte Kaiser Josef II. schon 1771 seiner erlauchten Mutter eine Denkschrift überreicht: „keiner Obrigkeit solle gestattet werden, Oberbeamte aufzunehmen und zu ernennen, wenn sie nicht von dem Kreise wahrhafte Attestata ihres Wohlverhaltens, Ehrlichkeit und Fähigkeiten vorlegen können2) “. Mit der Zunahme der Institutionen vergrösserte sich aber der Staats-Apparat, und dieser bedingte die Vermehrung der eigentlichen Staatsdiener. Obschon der Staatshaushalt gleich anfänglich auf eine richtige Basis gestellt war, entstand eine eigene Rechenkammer, durch welche auch das unter Leopold I. und Josef I. schon einigermassen geregelte Controlswesen in der Armee an Zweckmässigkeit gewann, in sich aber den Keim zu jener Uberwucherung trug, die in dem unmittelbar nachgefolgten Zeitabschnitte zum Bleigewichte für die geistige Entwickelung im Heere wurde. In überraschender Fülle erblühte in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts die deutsche Literatur, und Hand in Hand damit ging eine schnelle literarische Entwickelung auf fast allen Gebieten des fachlichen Wissens. *) *) Bericht des Unterrichts-Ministeriums vom Jahre 1873. *) C.-A. Sr. Majestät: Denkschrift vom Kaiser Josef II. an Maria Theresia über Missbrauche 1771 (Mdmoires, Separat-Fasc. 1767—1792).