Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 2. (1877)
Betrachtungen über die Schlacht bei Solferino
70 Betrachtungen über die Schlacht hei Solferino. Meldung eingieng, dass die I. Armee sich nicht mehr zu halten vermöge, dass sie den Rückzug hinter den Mincio antrete. Durch die rückgängige Bewegung der I. Armee wurde die Bildung der zusammenhängenden Schlachtlinie in der Höhe Cavriana- Guidizzolo vereitelt, und die Armee-Oberleitung sah sich hiedurch gezwungen, die II. Armee, deren Geschütz-Reserve gleichfalls nicht auf dem Kampfplatze erschien, um 31/,, Uhr gegen den Mincio zurückzunehmen. Mit diesem Entschlüsse, den die oberste Heeresleitung nur in der Voraussetzung fasste, dass die I. Armee im Rückmarsch gegen den Mincio sich befände, wurde die Schlacht aufgegeben. Die ferneren Kämpfe eines Theiles des 7. Armee-Corps, welche am Monte Fontana und Monte Scarnadoce begannen und am Monte Bosco scuro endeten, waren nur noch Nachhutgefechte, bestimmt, den geordneten Rückzug der Hauptmasse der II. Armee zu decken. Ein Schlachtmoment trat nicht mehr ein; denn die Stellung bei Cavriana wurde von der II. Armee nicht mehr bezogen, nicht mehr vertheidigt. Die Hauptmasse dieser Armee ward hinter den Mincio beordert. Die Truppen der I. Armee hatten indessen den schon um 2 Uhr gemeldeten Rückzug nicht angetreten, sondern selbst um 5 Uhr noch, um welche Zeit auch die nur aus drei Batterien bestehende Armee- Geschütz-Reserve in Action gelangt war, des Gegners Hauptangriff in der Ebene entschieden zurückgewiesen. Um diese Stunde wurde die rückgängige Bewegung der II. Armee auf den Höhen sichtbar, und jetzt erst zog der Commandant der I. Armee auch seine Truppen, welchen der Feind nicht nachzudrängen wagte, gegen den Mincio zurück. Das 8. Armee-Corps endlich kämpfte auf dem entfernten Schlachtfelde noch bis zum Einbrüche der Nacht siegreich und trat dann erst, unbelästigt vom Feinde, den Rückzug hinter den Mincio an. Die Ereignisse auf dem Schlachtfelde des 8. Armee-Corps bei S. Martino beweisen, mit welcher ausserordentlichen Tapferkeit auf beiden Seiten gekämpft wurde. Die dortselbst engagirt gewesenen 5 piemontesischen Brigaden erlitten durch 4 österreichische Brigaden einen Verlust von 5000 Mann, während die den Franzosen gegenübergestandenen 30 Infanterie-Brigaden dem Feinde blos 12.000 bis 13.000 Mann ausser Gefecht setzten. Es ist dies ein Missverhältniss, welches nicht nur der taktischen Leitung des Gefechtes bei S. Martino ein glänzendes Zeugniss ausstellt, sondern auch die Hingebung des Gegners beweist. / So düster nun auch das entrollte Bild erscheinen mag, eine hell strahlender Lichtpunkt ziert dasselbe doch, und lässt uns den einen