Veszprémi Történelmi Tár 1989. II.

Régészet - Ertel, Christine: Spätrömische Kopfkapitelle im Lapidarium von Tihany

46 RÉGÉSZET Abb. 8 Kapitell vor dem Freilichtmuseum in Petronell. stelle der Voluten, deren Stützfunk­tion viel abwechlungsreicher und phantasievoller durch mythologische Gestalten oder die verschiedensten Tier- und Fabelwesen übernommen werden konnte, man denke nur an die köstlichen Pegasoi des Mars— Ultor—Tempels in Rom 16 . Die ko­rinthische Normalform allein bietet ja kaum Möglichkeit zur Abwechs­lung. Unser Beispiel Abb. 7 ist nun tat­sächlich ein „Würfelkapitell" ebenso wie die anderen Stücke in Tihany. Kein einziges Formelement ist je­doch an ihnen, das im Vergleich zu anderen spätrömischen Kapitellen so Abb. 9 Kapitell im Museum Camuntinum ohne Inv. Nr. fremd erschiene, daß eine Datierung in römische Zeit abgelehnt werden müßte 17 . Soweit der Fundort be­kannt ist, bei dem Kapitell Abb. 3, konnten auch dort keine Rück­schlüsse über eine mittelalterUche Zeitstellung des betreffenden Stückes gewonnen werden 18 . Wie die Untersicht des Kapitells aus Carnuntum Abb. 8 zeigt, ist die Würfelform auch solchen Stücken immanent, die in ihrer Kelchzone die Illusion des gerundeten Kalathos noch aufrecht erhalten. Schwerfällig lösen sich aus seiner Masse die Vo­luten, die schwache Abakusplatte wird von der massigen Vorwölbung mit nach vorn gezogen, anstatt zurückzuschwingen. Die kleine Aba­kusblüte steht über dem großen Leerraum auf dem zylindrischen Ka­lathos. Wieder sind die Blattkränze verdreht, sodaß die Leerzone in der Mittelachse besonders weit nach un­ten reicht. Die gewaltige Kubatur dominiert das Erscheinungsbild. Ob­wohl der Steinmetz die korinthischen Bauglieder einigermaßen konventio­nell anordnet, scheint eine innere Zähigkeit sich der Formung zu widersetzen. Wie die beiden letzten Beispiele Abb. 9 und 10 zeigen, ist die be­schriebene Entwicklung keine Sack­gasse. Keineswegs ist es so, daß das korinthische Kapitell, eine der wich­tigsten Leitformen der antiken Kunst, nun endlich verbraucht ist. Das Kapitell aus Carnuntum Abb. 9 zeigt wieder die bekannte Vorliebe für kubische Formen. Die Über­leitung zur runden Säulenform fin­det auch hier erst im unteren Teil des Kapitells statt. Ganz ähnlich wie bei den Beispielen aus Tihany bleibt der obere Teil des Kalathos als Würfel stehen. Noch stärker verkehrt sich jedoch jetzt das Ver­hältnis zwischen Schmuckelement und Hintergrund: Die Blätter sind in die Würfelmasse eingetieft, anstatt auf sie aufgelegt. Auch die Blatt­kränze sind wieder verdreht, in der Kapitellmitte und an den Ecken entstehen Leerräume. Ein Vergleich mit einem weiteren Kapitell in Tihany Abb. 10 zeigt nun das Ziel des beschriebenen Entwicklungsganges. Es stammt aus dem 13. Jh. und weist doch mehr antike Merkmale auf als das römische Stück. Es hat einen zylindrischen Kalathos, eine Kalathoslippe und eine Abakusplatte. Das Verhältnis zwischen Hintergrund und Schmuck­element ist klar. Offensichtlich be­steht also eine enge Verwandt­schaft zwischen spätrömischen und mitteralterlichen Kapitellformen, eine Ähnlichkeit, die fallweise so groß ist, daß die Gefahr der Ver­wechslung und falschen Datierung entsteht. Aus dieser Erkenntnis her­aus muß die Neubewertung der spätrömischen Architektur erfolgen: Sie ist keine hilflose Nachahmung des Alten, sondern Vorbereitung des Neuen, keine Verspätung in Hin­sicht auf die korrekte Übernahme der Formen einer zentralistischen Hochkultur, sondern ein früher Schritt zu deren Weiterentwicklung. Die scheinbar minderwertige Kopie eines anerkannten Vorbildes ist ein Fingerzeig in die Zukunft und ein Hinweis auf die beständige Ver­wandlung auch der Vorbilder. So darf man wohl behaupten, daß die römische Architektur in Pannonién als Teilbereich der spätantiken Kunst Abb. 10 Kapitell im Lapidarium von Tihany. (Katalog Nr. 60.)

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