Veszprémi Történelmi Tár 1989. II.

Régészet - Ertel, Christine: Spätrömische Kopfkapitelle im Lapidarium von Tihany

44 REGESZET tenpaare sind zu einem Girlanden­motiv verschmolzen, das gleichmäßig auf- und abschwingend den kubi­schen Kalathos umfaßt, ohne in Be­ziehung zu den Blättern zu stehen. Ein schmaler Abakusrand beschließt die geraden Seitenflächen, tritt aber nicht als selbständiges Element in Erscheinung. Die an den Ecken hochgezogenen Voluten mildern die entstehende Würfelform. Dieses Kapitell verfügt grundsätz­lich über die gleichen Bauteile wie unser Beispiel Abb. 1, aber sie sind völlig verschieden interpretiert. Die Illusion des pflanzlichen Aufwach­sens wird aufgegeben. Die dicken Blätter sind scharf gekerbt, keine Ranken oder Blüten entsprießen ih­rem Kranz, die aufstrebende Bewe­gung des Wachsens wird durch das neutrale Girlandenmotiv gebremst. Die Voluten übernehmen in dieser Form keine Stützfunktion. Zum Halbkreis verwachsen können sie weder Last aufnehmen noch abge­ben. Auch unser Beispiel Abb. 1 ist mit Kopfdarstellungen geschmückt: Sie nehmen die Stelle der Abakus­blüte ein, die am Schnittpunkt der Achsen von senkrechter Säule und waagrechtem Architrav und zu­gleich an der Berührungslinie zwi­schen vortretendem Kalathos und zurückschwingendem Abakus eine der wichtigsten Nahtstellen der Säu­le no rdnung bezeichnet. Durch die Reduzierung und Umdeutung des Rankenwerks entsteht zusätzlicher Platz in der oberen Mittelzone des Kapitells. Die Kopfdarstellung auf dem Kapitell in Tihany Abb. 3 ist daher größer. Sie ruht auf dem gera­den Hintergrund, keine gegensätz­lichen Bewegungen müssen hier auf­gefangen, kein Aufstreben bekrönt werden. Das Zusammenspiel der vielfältig differenzierten Bauglieder des korinthischen Kapitells wird durch die massige Kraft des kubi­schen Kalathos abgelöst. Das trifft auch für das Pilaster­kapitell aus dem Legionslager Car­nuntum Abb. 4 zu. Die Blätter haben ihre Selbständigkeit verloren. Die Hochblätter sind nur noch im oberen Bereich voneinander getrennt, der Blattkörper unterhalb des Blattüber­falls ist mit dem Kalathos verschmol­zen und nicht mehr spürbar. Umso mehr betont ist die Reihe der Über­fälle, die sich zu einer dekorativen Borte zusammenschließen. Die über­fallenden Blattspitzen sind gerade abgeschnitten, die hintere Blattrippe teilt den Blattwulst herzförmig. Auch diese Blätter sind weniger Abbildun­gen von Pflanzenteilen als künst­Abb. 4 Kapitell aus dem Legionslager Carnuntum im Schloss Ludwigstorff, Bad Deutsch Altenburg. liehe Dekorformen. Die niedrige Kelchzone wird wieder von einer Kopfdarstellung, Blättern und an den Ecken von verdrängten Resten des Rankenwerks eingenommen. Ein breites, gerades Stämmchen mit Mittelgrat und Schaftsaum verzweigt sich in einen Ausläufer zur Mitte, der nach kurzem an den Abakus, d. h. den oberen Rand des Kapitells stößt, und einen nach der Seite, der seine Fortsetzung in einem hängen­den Kolbenelement findet. Diese Eckausbildung erinnert stark an die Form des ursprünglichen Werk­blocks. Die Masse des Kalathos dominiert, eine Unterscheidung zwi­schen Kalathos und appliziertem Schmuckglied ist kaum mehr mög­lich. Auch diese Erscheinung be­deutet eine ganz wesentliche Abwei­chung von der Idee des korinthi­schen Kapitells: Wie in der Ge­schichte Vitruvs die Bärenklaublät­ter den Korb umhüllten 11 , so sol­len auch die steinernen Blätter den Kalathos umkleiden. Nun verschmel­zen aber beide Elemente zu einer untrennbaren Einheit. Die bisher zwischen Blattwerk und Kapitell­körpej liegenden Hohlräume werden ausgefüllt, zylindrisch zurück­weichende Körper zum Würfel gewei­tet. Wie eine zähe Masse beginnt der Kalathos aufzuquellen und zu zerfließen 12 . Ganz unverhohlen tritt uns die Würfelform bei dem Kapitell in Tihany Abb. 5 entgegen. Die Volu­tenbänder setzen tiefer an als bei dem Kapitell Abb. 3, sodaß ein höherer würfeliger Kalathosrest ver­bleibt. Es entsteht noch mehr freier Raum, der von den Kopfdarstellun­gen nicht annähernd ausgefüllt wird. Nur auf einer Seite ist zusätzlich eine Jagdszene mit einem Hund und einem Hasen angedeutet. Die Köpfe haben übergroße Ohren und lange, gerade Hälse, aber keine erkennbaren Gesichtszüge menr. i Bei vielen Kopfkapitellen sind die dargestellten Köpfe nicht zu identifizieren, in einzelnen Fällen können sie aber sehr wohl ein reli­giöses oder poütisches Programm rep­räsentieren. Wie die ägyptischen Re­ligionen im allgemeinen, wurde auch Jupiter Ammon herangezogen, um die römische Staatsmacht zu ver­sinnbildlichen und zu stützen. Sein Bild ist nicht nur an dem Kopfkapi­tell aus dem Forumsbereich von Aquincum zu finden, sondern es wird auch auf den Fora von Aqui­leia, Triest, Pula und Zadar in die­sem Sinne verwendet 13 . Bei dem Kopf auf dem Beispiel Abb. 4 ist jedoch nicht eindeutig festzustellen, ob es sich um einen bärtigen Männer- oder um einen Löwenkopf handelt 14 . Die breite, hoch angesetzte Nase und die klei­nen Augen sprechen fast für die letztere Annahme. Die Gesichter auf unserem Beispiel Abb. 3 sind flächig zerteilt, mit übergroßen Au­gen und einem scharf abgetrennten Haaransatz. Sie erinnern an Dar­stellungen auf „einheimischen" Grab­steinen. Barkóczi beschreibt die Art dieser Augenausbildung und die ecki­ge Nasenform als typisch frühestens für die Tetrarchiezeit 1 s . Obwohl dieser zeitliche Ansatz für unsere Beispiele Abb. 3 bis 9 ziemlich gut zu passen scheint, ist doch bei der

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