Vadas Ferenc (szerk.): A Wosinszky Mór Múzeum Évkönyve 15. (Szekszárd, 1990)

Die Awaren und ihre Beziehungen zu anderen Völkern - Walter Pohl: Historische Überlegungen zum awarisch-byzantinischen Austausch

Strategikon (um 600) erwähnt eine ganze Reihe von Dingen, die die römische Armee von den Awaren übernommen oder gelernt hatte. Darunter war vor allem der Steigbügel, ferner die Reiterlanze mit einem GrifFriemen in der Mitte, ein gefranster Halsschutz aus Filz und Wolle, der Brust- und Nackenschutz der Pferde aus Eisen oder Filz, sowie der lange, prächtige Mantel, „nach Art der Awaren gearbeitet", der während des Rittes übers Knie reichte. Sogar das awarische Reiter­zelt und den Bau von Bootsbrücken „nach der Art der Skythen" konnte die rö­mische Armee kopieren. (POHL 1988,171f, mit Quellenangaben.) Dafür lernten die Awaren von den Römern die Belagerungstechnik mit Maschinen - Theophy­lakt weiß dazu eine recht melodramatische Geschichte von einem gefangenen rö­mischen Soldaten zu berichten, der von seiner Frau betrogen und von seiner Stadt im Stich gelassen wurde und aus Rache den Awaren verriet, wie sie diese Stadt fachgerecht einnehmen könnten. (Theophylakt 2,6, S. lOlf; POHL 1988, 87f.) Dazu kamen Architekten fur den Bau von Bädern, Palästen oder Brücken (Johan­nes v. Ephesos 5,24, S. 247f.; POHL 1988,71.) sowie Schiffbauer, die der Langobar­denkönig einmal aus Italien schickte. (Paulus Diaconus, Hist. lang. 4,20, S. 154; POHL 1988,159.) Sicherlich gingen auch byzantinische Kunsthandwerker zu den Awaren (vielleicht auch umgekehrt), obwohl davon nichts berichtet wird. Unsere Quellen lassen solchen Technologietransfer meist tragisch fur diejenigen enden, die ihre Kenntnisse weitergegeben haben; es schwingt immer ein wenig von Zwang und Verrat dabei mit. Doch wollte sich die spätrömische Gesellschaft viel­leicht auch nicht eingestehen, daß viele durchaus freiwillig ihre Fähigkeiten in den Dienst eines Barbarenherrschers stellten (wie es eine berühmte Priskos-Stelle am Beispiel des Attila-Reiches belegt). (Priskos fr. 8.) Jahrgelder gegen Militärdienste, Geschenke gegen Geschenke, Gefangene gegen Geld, Austausch von Kenntnissen und Techniken, Heranziehen von Arbeitskräften und Spezialisten: Nichts von diesen Formen des Austausches zwi­schen Byzanz und den Avarén entspricht unseren Vorstellungen von Handel. Vie­les davon war mit angedrohter oder ausgeübter Gewalt verknüpft, ging auf Kosten vieler einzelner und nützte letztlich doch oft beiden Systemen. Insgesamt hielt es einen gewaltigen Strom von Gütern, Menschen und Dienstleistungen in Gang, der das Awarenreich, als Peripheriegebiet des spätantiken Wirtschaftsraumes, an dessen Zentren band. Der Handel im engeren Sinn wird diesen Transfer in beiden Richtungen ergänzt haben. Doch war er zugleich an diesen Rahmen gebunden und mußte sich wohl relativ engen gesellschaftlich-politischen Bedingungen ein­fügen. Daß die Entfaltung des Freihandels die barbarische Gesellschaft bedrohen konnte, dafür steht symbolisch eine seltsame Geschichte, die das Suda-Lexikon ­aus einer Distanz von fast 200 Jahren - vom Untergang des Awarenreiches berich­tet. Danach hatten gefangene Awaren dem Bulgarenkhan Krum als einen der Gründe für den Untergang ihres Reiches erklärt: „Alle wurden Kaufleute und betrogen einander". Daraufhin versuchte Krum im Handel der Bulgaren mit Byzanz sehr restriktive, fast modern-bürokratisch anmutende Bestimmungen durchzusetzen: „Die Kaufleute beider Länder sollten künftig ihre Waren mit Urkunden und Siegeln versehen einfuhren, Waren, die diesen Bestimmungen nicht entsprachen, sollten eingezogen werden." (Suidas 1,484 s. v. Bulgaroi; POHL 1988,198f.) Ein Barbarenreich konnte sehr wohl mit einer Warenwirtschaft koexi­stieren und sie ausnützen. Die Chasaren am Schwarzen Meer und die Steppen­reiche entlang der Seidenstraße verdankten einen Teil ihrer Macht und ihres 95

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