Vadas Ferenc (szerk.): A Wosinszky Mór Múzeum Évkönyve 15. (Szekszárd, 1990)
Die Awaren und ihre Beziehungen zu anderen Völkern - Walter Pohl: Historische Überlegungen zum awarisch-byzantinischen Austausch
den ökonomischen Kreisläufen der spätantiken Wirtschaft entzogen. Im Awarenreich wurden Gold und Luxusgüter nicht so sehr nach ihrem materiellen Wert, sondern nach ihrer symbolischen Bedeutung geschätzt; in erster Linie speisten sie eine Prestigeökonomie, nicht eine Wertökonomie. Ein großer Teil davon diente dem Khagan und den vornehmen Awaren zur Schatzbildung; der Hort des Herrschers war in Barbarenreichen ein unverzichtbares Zeichen für seinen Glanz und Ruhm: Ein Glanz, der noch die Franken der Karolingerzeit blendete, als sie 795/ 96 den Rest des Khagansschatzes erbeuteten. (POHL 1988.181f.) Ein anderer Teil der Schätze zirkulierte in der barbarischen Gesellschaft in der Form von Geschenken, ganz so, wie es der Ethnologe Marcel Mauss in seiner Untersuchung „Essai sur le don" (Die Gabe) beschrieben hat: Mehr geben, als man empfangt, ist das Kriterium für den höheren Rang, der dadurch immer wieder bestätigt werden muß. (MAUSS 1968, 170ff.) Der Khagan konnte und mußte sich durch reiche Geschenke seine Gefolgschaft immer von neuem verpflichten. Da dabei der Prestigewert mehr als der Geldwert der Geschenke zählte, war so der Zusammenhalt eines Heeres insgesamt billiger zu erreichen als mit dem römischen System der regelmäßigen Soldzahlung. Daß dabei (und bei der Verteilung der Beute) dennoch beachtliche Werte den einzelnen Awarenkriegern zugute kamen, ist aufgrund der Grabfunde der Frühawarenzeit bekannt. (Vgl. etwa BONA 1985,11; A. KISS 1986,130ff.) Wieviele Wertgegenstände und Prestigegüter dem Awarenkrieger ins Grab mitgegeben wurden, belegt zugleich eindrucksvoll, daß für diese Menschen nicht der kommerzielle, sondern der symbolische Wert dieser Gegenstände entscheidend war. Man kann sich vorstellen, wie groß der Anteil an dem Zustrom der Reichtümer ins Awarenreich war, der in diesem „Handel mit der Ewigkeit" unter die Erde kam. Diese „Prestigeökonomie" sicherte das standesgemäße Leben der awarischen Oberschicht; das Überleben verdankte diese offensichtlich nicht dem Handel mit Byzanz. Zumindest ist in unseren Quellen von der Lieferung von Lebensmitteln aus dem Imperium an die Awaren keine Rede (sieht man von Gewürzen und vermutlich Wein ab.) Frühere Föderatenheere hatten solche Lebensmittellieferungen sehr wohl benötigt; die Awaren dürften sich davon bald unabhängig gemacht haben. Abgesehen von den wiederholten Plünderungen, holten sie sich nicht die Produkte, sondern die Produzenten. Die Nachrichten darüber, daß die Awaren ihre Gefangenen in Pannonién ansiedelten, sind recht häufig. Auch diese Verschleppten, die in Pannonién in „babylonischer Gefangenschaft" (wie es die Miracula Demetrii 2,5 nennen) lebten, sind sozusagen ein Teil des Austausches zwischen dem Römerreich und den Awaren. Sehr häufig wurden die Gefangenen ohnehin zurückverkauft; dieser schwungvolle Lösegeldhandel ist wahrscheinlich das bei weitem am häufigsten bezeugte Handelsgeschäft der Awarenkrieger. Wie das Schicksal einiger langobardischer Herzogstöchter aus Cividale bezeugt, wurden Gefangene gelegentlich auch anderswohin weiterverkauft (in diesem Fall an Bayerische und alamannische Brautwerber, Paulus Diaconus Hist. Lang. 4,37, S. 164.) Ob es darüber hinaus einen systematischen Sklavenhandel gab, ist ungewiß. Wen man nicht anbrachte, der mußte jedenfalls für die Awaren arbeiten. Einem äquivalenten Austausch zwischen Byzantinern und Awaren etwas näher kam eine andere Form des Kontaktes: Nämlich die Weitergabe von Spezialisten, Kenntnissen und Technologien. Hier konnten auch die Byzantiner von den Awaren profitieren, nämlich bei der Kampftechnik: Das sogenannte Maurikios94