Katalin Gellér: Die künstler-kolonie in Gödöllő 1901-1920 (Gödöllő, 2001)

Sándor Nagy: Der grüne See / Pastell. Papier, vor 1909 Auf den Photos sieht man keine nach der Mode der Jahr­hundertwende gekleideten Künstler, sondern Männer mit lan­gen Haaren, Bärten und Sandalen. Ab und an ist auch eine Frau mit großem Hut und Mieder zu sehen (vielleicht Ervin Raabs Frau, Gräfin Mária Bethlen, oder István Zichys Frau), doch meistens zeigen die Photos Frauen in leichten „Reform­kleidern" von einfachem Schnitt, die höchstens mit einem bestickten Kragen verziert sind. Aufgrund der Bilder ist anzu­nehmen, daß sie gepunktete Kleider besonders mochten. Die Kinder gingen barfuß, in leichter Kleidung, manchmal in Ka­lotaszeger Hemden, Einzelne Teile der Kalotaszeger Tracht trugen mehrere Gödöllőer Künstler, Den Erinnerungen zufolge trug Laura Kriesch die ersten Re­formkleider. Die Theorie der von Morris initiierten Reform­kleiderbewegung legte Mariska Undi in ihren Artikeln sowie in Vorträgen, die sie im Verein der Feministinnen [Feministák Egyesülete] hielt, dar. Mit der Mode und den Aspekten der Reform, welche die Kleidung betrafen, beschäftigten sich in erster Linie die Frau­en. Sándor Nagy, der auf den damaligen Photos in bestickten kurzen Hosen zu sehen ist, war auch diesbezüglich eine Aus­nahme. Seine Schriften, in denen er mit den „Helden des Rauches", den „Zigarettenrittern" kämpft, greifen auf die lebensverbessernden Ideen von Tivadar Csontváry Kosztka zurück. All dies bedeutete nicht nur der Einführung einer gesunden Lebensweise, sondern auch ein Fortschreiten auf dem Weg der Selbsterkenntnis und der Vervollkommnung, Dies beweisen auch Sándor Nagys Graphiken badender Fami­lien und Frauen. Sich selbst bildete er ebenfalls oft nackt ab, wie er in der Natur malte und nachdachte. Die in mystischer Andacht spazierenden Menschenpaare weisen eine nahe Ver­wandtschaft mit den Figuren des deutschen Graphikers Fidus (Hugo Höppener) auf. Sándor Nagy formulierte in seinem Buch „Ober die Kunst des Lebens" [Az élet művészetéről] (L91L) den Vorrang des Lebens und der Lebensführung vor der Kunst und folgte damit dem schon beinahe mythischen Lebensbegriff des Jugend­stils, in dem auch der romantische Naturkult und die monis­tischen Naturreligionen weitenvirkten. Die Schlußszene des Bandes verrät am meisten über die Symbolik der Darstel­lungen des Badens. Das Baden der Familie wird nicht als das in den symbolistischen Werken häufige Bild vom goldenen Zeitalter beschrieben, sondern als eine Wiedertaufe; „Hier ist der Neue Jordan, in dem dies alles Täufer sind, Selbsttäufer ..."

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