Katalin Gellér: Die künstler-kolonie in Gödöllő 1901-1920 (Gödöllő, 2001)

DIE MEISTER DES »MAGYARISCHEN JUGENDSTILS« DIE VOLKSKUNST ALS QUELLE Im Jahre 1900 fand die Pariser Weltausstellung statt, die den Triumph des Jugendstils brachte. Auf die ungarischen Künstler übte vor allem der finnische Pavillon, der nationale Bestrebungen vertrat, eine große Wirkung aus. Der präraf­faelitische Walter Crane äußerte sich bei seinem Ungarn­besuch begeistert über die reiche Blumenornamentik der ungarischen Volkskunst sowie die Schönheit der Bauern­stickereien, die an die persische und die indische Kunst erin­nerten. All dies bestärkte viele Künstler und Theoretiker darin, daß es möglich, ja sogar nötig sei, eine nationale, einhei­mische Variante des Jugendstils zu schaffen. Bei Károly Lyka heißt es: „Alle Kunstrichtungen differenzieren sich bei den jeweiligen Völkern ..." (1902) Die Gödöllőer, die den in Ödön lechners Architektur be­gonnenen Weg fortsetzten und József Huszkas historisch aus­gerichtete Sammlung kannten, wandten sich zwei Haupt­quellen zu: der Volkskunst und der historisch-mythologischen Tradition. Die Inspiration durch die Volkskunst spielte in ihrem Werk eine ganz besondere und herausragende Rolle. Sie bereisten das Land und leisteten Beiträge zu Dezső Maionyays Buch, in dem er eine nach Vollständigkeit strebende Zusammen­fassung der ungarischen Volkskunst geben wollte. Sie fer­tigten Zeichnungen von Trachten, Gebäudestudien und Genre­bilder von Bräuchen an. Sie integrierten einzelne Reminiszen­zen an landstriche des Kalotaszeger Beckens, der Matyó­Gegend und Transdanubiens in ihre Werke. Aber es handelt sich hier nicht mehr um eine einfache Übernahme von Motiven, sondern um die Erfassung und Neubelebung der lebensweise und des Geistes. Sie wollten der „Denkweise", der „Seele" des Volkes folgen (Elek K. Lippich). Nach 1900 verschmolz die lebendige Hand­werkskunst der Kalotaszeger in ihrer Phantasie mit dem Beispiel Morris'. Wie stark sie sich damit identifizierten, zeigt die Tatsache, daß Körösfői-Kriesch „Körösfő" (1906) und Wigand „Toroczkó" vor ihre Namen setzten. Körösfői-Kriesch bezieht sich in seiner Studie über die Volkskunst von Kalota­szeg nicht nur auf Ruskinsche, sondern auch auf antike Bei­spiele: „Dieses Costume hätten selbst die Griechen der Antike nicht barbarisch gefunden." Körösfői-Kriesch stellte die zur Kirche gehenden Kalotaszeger Frauen in der Bemalung des von Pál Horti entworfenen Szeklertores, das auf der Welt­ausstellung von St. Louis zu sehen war, in monumentaler Form und mit Erhabenheit dar. Sein Wandteppich mit dem Titel „Kalotaszeger Frauen" [Kalotaszegi asszonyok] ist ein heraus­ragendes Beispiel der Einheit des von der Stofflichkeit be­stimmten Entwurfes mit der figuralen und ornamentalen Dar­stellung. Auf seinem schwedischen Gobelin „Hirsch" [Szarvas] verbinden sich die Volkskunstdarstellungen und der Hirsch der Ursprungssage auf emblematische Weise. In ihren ersten kunstgewerblichen Entwürfen gingen die Gödöllőer, wie Vaszary, von der dekorativen Umformuherung des Genre des 19. Jahrhunderts aus. „Ich habe aus den unga­rischen Männern und Frauen, den Pferdehirten, Pflügen und Ochsen, aus dem ganzen ungarischen Genre mit Haut und Haaren, mit Pelz und Reiter, Ornamente gemacht", schrieb Sándor Nagy. Typische Beispiele hierfür sind die Teppiche „Tränken" [Itatás] von Körösfői-Kriesch und „Pflügen" [Szán­tás] von Sándor Nagy sowie die Entwürfe für Nagys Leder­arbeiten. Mariska Undi ging denselben Weg. Neben Kalotaszeg erschien auch Mezőkövesd auf den Genrebildern von István Zichy, Rezső Mihály und Sándor Nagy. Mariska Undi sammelte, wenn auch nicht mit wis­senschaftlichem Anspruch, ihr Leben lang Volkskunstmotive, und eins nach dem anderen erschienen ihre Hefte mit dem Titel „Ungarische Schatztruhe" [Magyar Kincsesláda], István Zichy, der mit seinen dekorativen Graphiken weit über die

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