A Debreceni Déri Múzeum Évkönyve 1985 (Debrecen, 1986)
Néprajz - Dankó Imre: Die ethnische Formierung der Choden – über den Wachtvölkern und Volksgruppen in Mitteleurópa
Imre Dankó DIE ETHNISCHE FORMIERUNG DER CHODEN — ÜBER DEN WACHVÖLKERN UND VOLKSGRUPPEN IN MITTELEUROPA Im Mittelalter, zur Zeit der Herausbildung der Nationalstaaten entstanden in Mitteleuropa besonders viele Wach-Volksgruppen. Ihr gemeinsames Charakteristikum bestand darin, dass man sie an den Grenzen, Wegen, Pässen, Brücken und wichtigen Übergangsstellen ansiedelte, damit sie dort ständige Wachdienste zum unmittelbaren Schutz der Grenzen und zum mittelbaren Schutz der Unabhängigkeit des Landes ausüben. Für diese bewaffneten Wachdienste wurden sie mit Privilegien bekleidet. Diese Privilegien bedeuteten für sie im allgemeinen gemeinschaftlichen Adel, Hervorbebung unter der Leibeigenschaft und gemessen an der Geschlossenheit der Ständegesellschaft eine bedeutsame Selbstverwaltung (freie Führerwahl, freies Richtertum usw.). Diese Privilegien machten es möglich, die Wachvolksgruppen von ihrer gesellschaftlichen Umwelt, im allgemeinen von der Leigenschaft, abzutrennen und gabenihnen die Gelegenheit, eine spezifische gesellschaftliche (ethnische) Entwicklung durchzumachen, bis sich dann zu einer eigenständigen ethnischen Gruppe formierten. In der vorliegenden Studie werden unter den ungarischen Wachvolksgruppen die Szekler, die mährischen Grenzwächter (sind mit ihrer Umgebung verschmolzen), die Leute aus őrség (dt.: Wache oder Wart) und letztlich die zu Beginn des 17. Jahrhunderts angesiedelten Hajdus (dt.: Heiducken) erwähnt. Der Verfasser stellt dann den Werdegang der Choden zu einer selbständigen ethnischen Gruppe vor. Hierbei handelt es sich um bewaffnete tschechische Bauern, die im 11./13. Jahrhundert zur Bewachung der durch den Tschechischen Wald (Cesky Les) führenden Pässe, Wege, Wälder und Bergwerke angesiedelt wurden. Er sieht in der Entwicklung der Choden zu einer selbständigen Volksgruppe das vollkommenste Modell der Formierung von Wachvölkern zu selbständigen ethnischen Gruppen. Hier wird ihre Geschichte vorgestellt. Anhand der tschechischen Literatur zur Geschichte und Volkskunde, aber auch anhand von persönlichen Informationen analysiert der Verfasser die Lebensweise der chodischen Volksgruppe, ihre spezifischen Merkmale (lebhaftes Gemeinschaftsinteresse, starkes tschechisches Nationalbewusstsein, geschichtliche und lokalgeschichtliche Informiertheit, Denken in juristischen Kategorien, Traditionsverehrung usw.) und vergleicht den Gang ihrer Entwicklung mit dem Leben und den Veränderungen in der Lebensweise der ungarischen Heiducken. Zur Entwicklung der Traditionsverehrung, der völkischen Erneuerung und der spezifischen Kultur der chodischen Volksgruppe trug in bedeutendem Masse die tschechische schöngeistige Literatur bei (Bozena Nemcova, Alois Jirásek usw.), bzw. dem über diese zur Geltung kommenden Folklorismus kam eine bedeutende Rolle zu. In der Studie werden das auf dem Gebiet der Traditionsbewahrung an der Spitze schreitende Chod-Museum (Domazlice, Chod-Burg) und die Tätigkeit des in der chodischen Hauptstadt, in Domazlice, befindlichen Volkskundemuseums Jindrich Jindfich gezeigt. 298