Alba Regia. Annales Musei Stephani Regis. – Alba Regia. A Szent István Király Múzeum Évkönyve. 28. – Szent István Király Múzeum közleményei: C sorozat (1999)
6. AUFFALLIGE DETAILS DER STEINBEARBEITUNG - PROVINZIELLER RELIEFSTIL Ein Vergleich der Steinkonstruktionen in Pannonién mit Noricum ist von vornherein ungerecht, weil der Eindruck der Steintechnologie in Noricum stark von südnorischen Beispielen beeinflußt wird, während für Pannonién das südpannonische Material weniger gut aufgearbeitet ist. Nordnoricum und Nordpannonien sind in Quantität und Qualität der erhaltenen Steindenkmäler gleichzusetzen. Ganz, großteils oder auch nur teilweise sicher rekonstruierbare antike Bauwerke fehlen hier. Hoch differenzierte Bauglieder wie Architrave mit Soffitten, Friese und Decken, z. B. Kassettendecken, treten selten auf. Im oberen Bereich der Bauwerke scheint die Architektur vereinfacht und als Holzkonstruktion fortgeführt worden zu sein. Bei dem hier vorgestellten Material wie auch schon bei den Grabbau-bestandteilen aus dem AquincumMuseum fielen einige Details besonders auf, die in Noricum nicht vorkommen. Auffällig sind die fehlenden Verklammerungen von offensichtlich zusammengehörigen Plattenteilen oder Gesimsabfolgen. Bei der dreiteiligen Bodenplatte 1.1.3 und dem Gesimskranz 1.1.4 sind keinerlei Spuren von Verbindungen der einzelnen Steine untereinander zu entdecken, das Gleiche gilt für den Gesimskranz 1.6.2. Auffällig sind auch die Mischkonstruktionen von Klammern und Stegen bzw. Nuten, die gemeinsam an Ecksteinen von Grabädiculen und Grabumfassungen vorkommen. Es hat den Anschein, als habe man kein vollkommenes Vertrauen in die Klammertechnik gesetzt und die Stöße von Steinplatten auch mechanisch abgesichert, unabhängig davon, ob dies nötig oder sinnvoll war. Bei korrekter Ausführung der Verklammerungen war es weder das eine noch das andere. Ein ähnliches Phänomen sind die Nuten der Deckenplatten für die Rückwand. Wenn die Ädiculawände durch Verdübeln mit der Decke verbunden werden konnten, ist es nicht einzusehen, warum die Rückwand in die Decke eingezapft werden und hierfür noch dazu etwas höher sein mußte als die Wände. Meist machte man die Steinkonstruktion etwas sicherer und komplizierter, als sie bei voller Ausnützung ihrer Möglichkeiten sein mußte. Vielleicht handelt es sich hierbei um noch etwas von der Holzverarbeitung beeinflußte Vorgangsweisen. Anhand der vorliegenden Reliefs sind sehr gut zwei verschiedene Stilrichtungen zu unterscheiden: eine klassisch geschulte und eine provinzielle. Es kommt auch sehr gut zum Ausdruck, daß die provinzielle Ausführungsart keineswegs als qualitativ schlecht bezeichnet werden kann, sondern daß sie ganz im Gegenteil durch die rührende Naivität der Szenen einen besonderen Reiz ausübt. Nicht die originalgetreue Abbildung von Personen und Gegenständen ist ja das Ziel jeder echten Kunstbemühung, sondern die Wiedergabe eines Eindrucks, einer Stimmung und eines geistigen Inhalts. Das Phänomen, daß menschliche Gliedmaßen und Körperproportionen nicht realitätsgetreu abgebildet sind, ist in der gesamten mittelalterlichen Kunst ebenfalls vertreten, ohne daß jemand darin etwas Negatives finden würde. Ganze Epochen der Malerei der Neuzeit sind weit entfernt von jedem Realismus und erfreuen sich größter Beliebtheit. Nur die älteren Autoren der klassischen Archäologie glaubten ihre Kunstvorstellung einzig und allein in Rom und den mittelmeerischen Kunstzentren vorfinden zu können, alles andere war barbarisch, schlecht gearbeitet und zeigte den beginnenden Weltuntergang an (Studnicka 1904, 71 ff, 115 ff. trotz prinzipiell richtiger Erkenntnis der dem Tropäum Traiani zugrundeliegenden Einflußspären: 1; Kahler 1939, 53; Petrikovits 1965, 146; Ertel 1991, 16 ff). Es muß ihnen unterstellt werden, daß sie die antike Welt zu beschränkt und zu einheitlich sahen. Auch in dem sehr zentralistischen römischen Reich bestand eine große Vielfalt von Kunst, die nicht als mehr oder weniger gelungenes Kopieren von reichsrömischen Formen aufgefaßt werden kann. Diese zentralistische Vorstellung äußert sich im Titel des zitierten 8. Kongresses für Klassische Archäologie in Paris 1965: Le rayonnement des civilisations grecque et romaine sur les cultures périfériques. Bei diesem Ausstrahlen der griechischen und römischen Zivilisation auf die peripheren Kulturen konnte schon implizit im Wortsinn gesagt nur ein matter Abglanz, etwas Schwächeres und nichts Eigenes herauskommen. Dieses Mißverständnis entstand nur durch geringe Kenntnis der provinziellen Produkte und einer gewissen Arroganz, die die Beschäftigung mit unbestritten großartigen Kunstwerken der Antike im Mittelmeerraum zuweilen heute noch hervorruft. Inzwischen hat aber auch die Provinzialarchäologie großen Aufschwung genommen, die den Eigenwert der provinziellen Produkte erkennt. So darf man die Reliefs aus Gorsium ohne bangen Blick nach Süden in ihrer Art gewiß zu den größten Kunstwerken der Provinz Pannonién zählen. 36