A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve, 1966-67. 1. (Szeged, 1968)

Csallány Dezső: War „der Knochentiegel als Salbenbehälter” ein Schamanengerät in der Awarenzeit?

WAR „DER KNOCHENTIEGEL ALS SALBENBEHÄLTER" EIN SCHAMANENGERÄT IN DER AWARENZEIT? Seit 1943 wurde in zahlreichen archäologischen Werken auf den „Knochentiegel" des 8. Grabes in dem frühawarischen Friedhof von Mokrin und auf dessen die Oberfläche bedeckenden geschitzten Tierfiguren Bezug genommen. Die weitgehenden Folgerungen, die von Gyula László an diesen angeknüpft wurden, haben mich zur Aufdeckung der wirklichen Bestimmung dieses Gegenstandes bewogen. Und das ist umso mehr notwendig, weil es auch nach den Worten Lászlós vieles bedeuten sollte, wenn wir wüssten, was der in dem 8. Grab von Mokrin liegende, mit Bogen versehene Kämpfer­Jäger (awarischer Schaman) in dem Tiegel mit sich getragen habe, denn es sei wahrscheinlich, dass sein Inhalt irgendein Zaubermittel gewesen sei. Die ursprüngliche Anordnung der Gegenstände im 8. Grab von Mokrin bringe ich auf Grund der ursprünglichen Skizze (Abb. 1). Bei László finden wir bei den Beigaben Nr. 5, 8, 12 positionelle Abweichungen. László hat auf Grund der „Bogenbeigabe", des „Knochentiegel"-s und der auf diesem befindlichen Zeichnungen daran gedacht, dass ein Schaman in dem Grab gelegen habe. Die Voraussetzung müssen wir jedoch verwerfen, dass der Bogen als Zaubermittel in die Erde des Grabes gelangt sein dürfte, somit der Mann aus diesem Grund Schamane gewesen sei. Die Bogen — Beigaben der Gräber Nr. 31, 63,67 von Mokrin, die Ffleilspitzen —Beigaben (Gräber Nr. 19, 46, 53, 62), dann die Nischengräber des Theiss —Maros Gebietes, aber auch alle Bogenbeigaben enthalten­den Gräber des Landes bezeugen uns, dass das Niederlegen des Bogens in das Grab nicht ein eigen­artiger Zug der Beerdigung ist, der Bogen ist also nicht ein Zaubergerät, sondern sein Niederlegen ein allgemeiner Brauch und als solcher gelangte der Bogen als Waffenbeigabe in die Gräber der Kämpfer. Von László wurde noch der „Knochentiegel" des 28. Grabes von Mokrin als Schamanengerät bezeichnet. Früher betrachtete er diesen knöchernen Gegenstand für einen awarischen Salz (?)­Behälter, später für einen mit Zauberkraft versehenen Salbentiegel, Pomadenbehälter usw. Mit diesem vermeintlichen sachlichen Beweis des Schamanentums soll auch die tiergruppenartige Ver­zierung der fraglichen knöchernen Hülse — glaubte er — in Einklang gestanden haben, auf der er die Darstellung des Weltalls, die awarische Urreligion glaubte angetroffen zu haben. Die Struktur des „knöchernen Tiegels" wurde von ihm auch rekonstruiert. Die Bestimmung des „Knochentiegel"-s entscheiden die folgenden Funde: Kindergrab Nr. 218 von Szeged-Kundomb (Abb. 2), die Kindergräber von Keszthely (Abb. 4,2), Ártánd Nr. 218 (Abb. 5—6), die knöchernen Röhren mit geometrischen und Figurschmuck versehen und die zu diesen gehörenden bronzenen Schellen von dem Kindskelett des Grabes Nr. 258 aus dem Friedhof von Győr, Téglavető-dűlő (Abb. 4,3), von dem Grab Nr. 117 des awarischen Friedhofes von Szentes­Berekhát (Abb. 4,1) und aus dem chazarischen Denkmälermaterial der Ausgrabungen von Sarkel — Belaja Vezsa (Abb. 7). Alle diese waren Kinderschellen mit geschmückten oder ungeschmückten Knochenröhren, diese wurden auf den Hals oder den Gürtel gebunden, um zu wissen, wo das Kind herumgeht. Heutige ethnographische Daten unterstützen gleichfalls die Ansetzung dieses Brauches. Die aufgezählten Exemplare umfassen zeitlich die ganze Awarenzeit, das Schellenpaar von Sarkel lässt sich in das X. Jahrhundert einreihen. Auf Grund der angeführten Daten können wir jetzt schon eine Antwort geben auf die Frage, was der awarische „Schamane" des 8. Grabes von Mokrin in dem „Tiegel" an Stelle der „zauber­kräftigen Salbe" bei sich getragen haben mag: eine Kinderschelle mit schönem Klang, die Knochen­röhre mit einer für die Kinder bestimmten Fabel-Tierwelt geschmückt. Es ist so etwas wie das heu­tige Bilderbuch für Kinder mit Tierfiguren, mit Oberflächenschmuck und geometrischen Mustern. Über die angeführten Beispiele hinausgehend will ich mich auf die zahlreichen Vorkommen der Schellen und ihre Rolle hier weiter nicht mehr auslassen, da sie in Reitergräbern der Awarenzeit als Pferdegeschirrschmuck gleichfalls häufig vorkommen. Dezső Csallány 72

Next

/
Oldalképek
Tartalom