Müller-Walter Judit: Mehr als Lebensgeschichten. Schicksale (Pécs, 2010)

Tante Vavi Frau Eiblinger, geborene Borbála Pálfi. Tante Vavi wurde am 2. Dezember 1927 in Püspöknádasd geboren. Sie war gerade 17 Jahre alt als man sie zum „Malenkij Robot" mitnahm. Sie kehrte erst am 27. November 1949 zurück. Ihre vier älteren Brüder wurden auch alle verschleppt und kehrten auf wunderbare Weise alle wieder zurück. Tante Vavi wohnt heute in Mecseknádasd. "Am 26. Dezember, zwei Tage nach Weihnachten mussten sie sich versammeln, und die Partisanen trieben uns durch den Schnee. Wir durften ein Paar Schuhe, Decken und Nahrung für zwei Tage mit uns nehmen. Aber was passt denn schon in so einen Rucksack? Sie sagten wir gingen für zwei Wochen nach Pécs, zur Arbeit am Flughafen. Die Russen nahmen Mädchen über 18 Jahren, Frauen, zur Wiedergutmachungsarbeit. Ich war gerade mal seit drei Wochen 17 Jahre alt geworden, und stand trotzdem auf der Liste. Am Versammlungsort sagte der Dorfälteste, man müsste das Pálfi Mädchen zu Hause lassen, sie ist noch zu jung, sagte er. Dann sagte aber der Notar, wohin die vier Palfibuben gehen, dort ist auch Platz für das Palfi Mädchen. In der Lakics Kaserne in Pécs schlug sich der Mann bei der Aufnahme auch die Hände über dem Kopf zusammen als er mich sah und sagte Jesus Maria, wie kann man so ein Kind fortschicken? Eine Nacht verbrachten wir im Wald von Baja im Schnee und auf Eis. Dann kam ein anderer hoher russischer Offizier mit einem Dolmetscher, sie waren früher einmal in Nádasd untergebracht. Es waren sehr gute Menschen. Sie suchten mich und ein anderes sehr junges Mädchen, sie boten uns an uns Papiere auszustellen, sodass wir nach Hause gehen könnten, weü von hier aus alle nach Russland gebracht werden. Doch wir trauten uns nicht, da überall bewaffnete russische Soldaten standen, wir hatten Angst, dass sie auf uns schießen -würden und das wäre es für uns das Ende gewesen. Wir klammerten uns nur so aneinander, und wagten nicht fort zu gehen. So kamen wir auch nach Russland. Nach einem Jahr brachten sie die meisten von uns nach Stari Promislaw in das sibirische Lager. Erst wollten wir es gar nicht glauben, wir dachten sie werden uns wieder selektieren, die Gesunden von den Kranken trennen. Auf halber Strecke wurde uns klar, dass sie uns tatsächlich nach Sibirien bringen. Auf der langen, beinahe einen Monat dauernden Fahrt bekamen wir nur Kohl und Gerstensuppe. Im ersten Jahr, zu Karfreitag gaben sie uns Ziegenfleisch in die Suppe und auch Wurst dazu. Wir sahen einander an und wussten nichts damit anzufangen. So etwas haben wir noch nie bekommen. Essen wir das jetzt am Karfreitag? Wir entschieden uns es zu essen und danach zu beten, der liebe Gott möge es uns verzeihen. Wir aäen alles auf einmal, nicht dass es uns noch jemand stielt in der Nacht. Sonst bekamen wir täglich 600 Gramm Brot, das war so groß wie ein Ziegel. Es gab welche die es sofort aufaßen, andere hoben es sich für zwei Mahlzeiten auf. Andere verkauften oder vertauschten es, von ihnen sind viele gestorben. Tante Vavi heute bei sich zu Hause. .

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