Müller-Walter Judit: Mehr als Lebensgeschichten. Schicksale (Pécs, 2010)

Unsere Unterkunft war eine zerbombte Kaserne, überall gab es Löcher und Gruben. Es gab kein einziges Fenster mehr. Wir schliefen auf Brettern oder unseren eigenen Kleidern. In einem Raum waren wir 40 Personen. In der sibirischen Kälte fiel das Termometer nicht selten unter 40° C. Zu unseren ersten Aufgaben gehörte es die Bombenkrater wieder mit Erde aufzufüllen. Wir mussten alles wieder richten, was die Deutschen zerstört haben. Dort bekamen wir Plusterhosen, Plusterjacken und die "Russki Mützen". Als wir uns das erste mal so anzogen, staunten wir nur so wie wir aussahen. Ich konnte im Ural bereits gut russisch, so wollten sie mich als "Brigadeleiterin" einstellen, aber ich wollte das nicht. Dann schimpften die Frauen mit mir, dass ich diese Aufgabe übernehmen soll, da ich die einzige sei, die mit ihnen sprechen kann. Die Frauen im Lager machten mir Vorwürfe, dass man nicht wissen könne, welche Arbeiten sie zu erledigen hätten, wenn jemand anderes Brigadeleiterin wird und sie haben ja doch alle Kinder und wollen wieder nach Hause. In Stari Promislaw noch hatten wir es gut, unser Aufseher war ein herzensguter Mensch. Er war nie grob oder böse mit uns, er wollte als Strafe nur, dass wir "Irgendwo an der Wolga" singen als ihm etwas nicht gefiehl. Er war ein Russlanddeutscher. Als wir am ersten Tag gerade Wasserleitungen graben mussten, kam er zu mir und fragte mich wie alt ich denn sei. Als ich ihm sagte wie alt ich bin, sagte er, dass seine Tochter auch gerade siebzehn Jahre alt ist, aber er möchte gar nicht daran denken, dass auch sie in diese Lage geraten könnte. Dann maß er die Tagesnorm eines jeden von uns aus und kam dann zu mir, nahm mir die Schaufel aus der Hand, zog seine Jacke aus und hob meine halbe Tagesnorm für mich aus. Später brachte er mir Sprachbücher und Wörterbücher und sagte: "Mädchen du musst lernen. Ich mache deine Norm und du wirst lernen. Du bist noch jung, du musst lernen". Das war mein Glück, so lernte ich sehr schnell russisch. Dieser, heute als Nähkasten gebrauchte Gegenstand stammt auch aus der Zeit im Ural. Ehrlich gesagt, traute ich micht nicht, um ihn zu bitten.

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