Grosse, Johannes dr.: Ignaz Philipp Semmelweis, der Entdecker der Ursache des Kindbett-Fiebers (Leipzig-Wien, 1898)
Dritter theil. Seine Anerkennung nach dem Tode
54 so ist es jetzt Pflicht, darüber Zeugniss abzulegen, damit nicht durch die alles nivellierende Zeit der Unterschied von einst und jetzt verwischt und schliesslich, was wir heute als eine grosse Entdeckung auf wissenschaftlichem Gebiete preisen, in nochmals 50 Jahren als etwas Selbstverständliches und Unwesentliches betrachtet werde. Wenn man in dem Buche von Semmelweis liest, wie er die wissenschaftliche Welt durchmustert und dieselbe in Freunde und Feinde gruppiert, wenn man erfährt, wie er erstaunt ist, dass gewisse Herren, welche ihm privatim Zugeständnisse gemacht hatten, sich verwahrten, als diese Aeusserungen öffentlich mit Namensnennung ausgesprochen wurden, so lernt man zwar daraus Semmelweis als einen grundehrlichen Mann kennen, der es nicht versteht, warum man ungünstige Erlebnisse hinter dem Berge halten soll, wenn man daraus für die Zukunft lernen könne, — als ein leuchtendes Vorbild des wissenschaftlichen Ernstes; aber seine Entrüstung darüber, dass es Menschen gebe, die von anderer Art sind, die ungelegene Erfahrungen vertuschen, die öffentlich nicht mehr dazu stehen wollen, was sie unter vier Augen gesagt haben, beweist, dass es ihm an Menschen- kenntniss völlig gebrach; denn das ist doch leider zu keiner Zeit etwas Seltenes gewesen. Dass es aber Aerzte gab, die auch da noch mit grösster Gelassenheit und Gemüthsruhe über die Schädlichkeit anatomischer Beschäftigung von Seiten praktisch thätiger Geburtshelfer weiter debattieren konnten, ohne etwas zu thun, während fortwährend Menschen zugrunde giengen, die er zu retten gelehrt hatte, ist eine Erscheinung, bei welcher Semmelweis mit seiner Entrüstung ganz Recht hatte, wo wir für seine Gegner keine Entschuldigung finden. Denn der Grundsatz, dass, wo eine Warnung ausgeht, mit Menschenleben nicht mehr experimentiert werden dürfe, ist nicht erst als solcher zu proklamieren gewesen; das war zu jeder Zeit die einfache Pflicht der Humanität und Religion. Wir können nach 50 Jahren nachfühlen, welche Erregung eine solche Gleichgiltigkeit über verhütbare Todesfälle erweckte. Er spricht nur günstig für Semmelweis, dass sich seine