Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 89 Puerperalfieber verstorbenen Frau; er steckte hierauf die Geschlechts- theile in den Sack und nahm sie zu einer Vorlesung mit. An demselben Abende war er in denselben Kleidern bei der Geburt einer Frau zugegen, die bald darauf starb.“ „Am nächsten Morgen hatte Ch. eine Zangenoperation vorzunehmen, ohne dass er seine Kleidung geändert hätte. Es erkrankten diese und iibeidies noch viele der von ihm gepflegten Wöchnerinnen drei derselben starben. — Im Juni 1823 half er mehreren seiner Schüler bei der Section einer Frau, die am Puerperalfieber gestorben war; in der von Allem entblössten ärmlichen Wohnung konnte er seine Hände nicht mit der nöthigen Sorgfalt waschen und ging darum nach. Hause. Daselbst angelangt, fand er die Nachricht, dass zwei Gebärende seine Hilfe begehrten; ohne weitere Waschungen vorzunehmen und ohne die Kleider zu wechseln, eilte er diese Frauen aufzusuchen, beide wurden von der Krankheit ergriffen und starben. Dergleichen Fälle — sagt der Berichterstatter — Hessen sich noch in viel bedeutenderer Anzahl anhäufen.“ „Es wird aber schon aus dem Angeführten und namentlich aus dem der Praxis des Dr. Campbell Entnommenen klar hervorgehen, dass die Engländer diese Uebertragungen nicht in dem Sinne nehmen, wie Semmelweis und Skoda sie verstanden wfissen wollen; — nämlich nicht durch eine Uebertragung von zersetzten t hie rischen Stoffen auf die Geschlechtstheile der Frau, sondern durch die Uebertragung der Krankheit (qua talis) von einer Frau auf die andere.“ Dass dies die Auslegung sei, geht schon aus den gemachten Mittheilungen hervor, wird aber besonders durch folgenden Ausspruch Churchill’s klar dargethan: ,Nach aufmerksamer Beobachtung und Prüfung der Thatsachen kann ich nicht länger zweifeln, dass die Krankheit durch Ansteckung und Berührung weiter verbreitet wird, d. h. dass sie von einer am Puerperalfieber Leidenden einer anderen Person mitgetheilt werden kann, die mit derselben in Berührung ist, oder selbst nur in enger Nachbarschaft sich befindet.’ “ „Die Entscheidung der Frage, welche von beiden Auslegungen als die wahre und richtige sich herausstellt, ist begreiflicherweise von grosser praktischer Bedeutung; denn wenn die in England gewöhnliche Ansicht Geltung erlangt, so folgt daraus keineswegs das Verbot, sich mit Leichen von Personen zu beschäftigen, die an anderen als Puerperalkrankheiten gestorben sind, während wir hinwieder keinen Anstand nehmen, von einer kranken Wöchnerin zu anderen zu gehen, ohne Kleider gewechselt zu haben, wie man dies in England zu thun vorschreibt, weil man die Lehre von der Ueber- tragbarkeit so weit ausdehnt, dass man annimmt, ein gesunder Mensch (also auch der Arzt), der von einer am Wochenbette Erkrankten herkomme, könne dieselbe Krankheit, ohne dass Berührung stattgefunden habe, auf eine bis dahin gesunde Wöchnerin übertragen. Diese Fähigkeit der Uebertragung scheint nach der dort üblichen Annahme für längere Zeit möglich gedacht zu werden, weil nach den häufig von englischen Schriftstellern aufgestellten Anordnungen ein Arzt, der in seiner Praxis mehrere puerperalkranke Frauen hat, längere Zeit hindurch auf hören soll, bei Geburten Beistand zu leisten, und ihm Wechsel seiner Kleidungsstücke zur Pflicht gemacht wird. Als Beweis dafür wird besonders angeführt, dass so häufig einzelne Ge-