Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
90 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. burtshelfer oder Hebammen viele Fälle von Puerperalfieber unter ihren Pflegebefohlenen zählen, während die übrigen Aerzte nichts von dergleichen Vorkommnissen zu erzählen haben. Man wird aber wohl zugeben müssen, dass diese Umstände sich viel ungezwungener erklären lassen, wenn man annimmt (was sich in den oben mitgetheilten Fällen nachweisen lässt), dass diese Praktiker sich mit Leichenöffnungen, oder was gleichviel gilt, mit anderen putrescirenden Stoffen, Eröffnung von Abscessen, Reinigen und Verbinden von Wunden, Reinigen oder Untersuchungen von Puerperalkranken beschäftigt haben.1) — Mehrere der oben genannten Aerzte haben durch die in England gang und gäbe gewordenen Ansichten ihre geburtshilfliche Praxis für einige Zeit aufgegeben, nachdem sie das Unglück hatten, mehrere Frauen durch das Puerperalfieber zu verlieren. — Der Umstand, dass sie beim Wiederaufnehmen derselben, oft nach monatelanger Frist, nicht glücklicher waren, scheint ausser Zweifel zu setzen, dass die von ihnen beschuldigte Ursache nicht mehr im Spiele sein konnte, und rüttelte stark an ihrer Ueberzeugung, dass sie es früher war. Es ist auch meine Ueberzeugung, dass die oben angeführten Beschäftigungen der Aerzte das ursächliche Moment des nach diesen Beschäftigungen beobachteten Puerperalfiebers gewesen sind. Aber ich ziehe aus diesen Daten andere Schlüsse als die englischen Aerzte. Ich halte das Kindbettfieber für keine contagiöse Krankheit, weil dasselbe nicht von einem jeden am Kindbettfieber erkrankten Individuum auf ein gesundes übertragen werden kann, und weil ein gesundes Individuum das Kindbettfieber von Kranken her bekommen kann, welche selbst nicht am Kindbettfieber leiden. — Ein jeder Blatternkranke ist geeignet, bei einem gesunden Individuum Blattern hervorzubringen, und ein gesundes Individuum kann Blattern nur von einem Blatternkranken bekommen, von einem Gebärmutterkrebs hat noch Niemand Blattern bekommen. Nicht so verhält sich die Sache beim Kindbettfieber. — Wenn das Kindbettfieber unter Formen verlauft, welche keine zersetzten Stoffe erzeugen, so ist es von solchen Individuen auf ein gesundes nicht übertragbar; erzeugt aber das Kindbettfieber zersetzte Stoffe, wie z. B. bei Endometritis septica, so ist das Kindbettfieber auf Gesunde allerdings übertragbar. — Nach dem Tode ist von jeder Puerperalleiche das Kindbettfieber auf Gesunde übertragbar, bei der Leiche kommt nur der Fäulnissgrad in Betracht. Aber das Kindbettfieber kommt auch von Krankheiten, welche selbst nicht Kindbettfieber sind; so z. B. von gangraenösem Erysipel, Carcinoma uteri etc. Eine jede Leiche, mag welch eine Krankheit immer den Tod veranlasst haben, ist geeignet, das Kindbettfieber hervorzubringen, wenn die Leiche den nöthigen Fäulnissgrad erreicht hat. Eine contagiöse Krankheit wird durch einen Stoff fortgepflanzt, !) Dr. A. Martin, der Director der Hebammenschule in München, hatte die Güte mir mündlich mitzutheilen, dass in den ersten Jahren seiner Wirksamkeit das Puerperalfieber häufige Opfer forderte, ohne dass es möglich gewesen wäre in der gesund gelegenen Anstalt die Veranlassung zu entdecken. Erst später wurde er davon benachrichtigt, dass die Hebammen die Placenten iu den Abtritt warfen: nach Abstellung dieser üblen Gewohnheit wurde der Gesundheitszustand der Anstalt ein bleibend günstiger.