Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
76 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. weisen an meiner eigenen Klinik die zwei letzten Jahre. Die unreine Hand ist eben nicht die einzige Quelle der Infection. Wir berufen uns hiefür auf jenen Theil unserer Abhandlung, in der wir von den Quellen der Infection sprachen. Scanzoni und Seyfert schrieben gegen die Chlorwaschungen; ohne Zweifel haben sie gegen selbe auch gesprochen, und dadurch ihren Schülern sicher nicht die dabei erforderliche Gewissenhaftigkeit eingeimpft, die zum Fernhalten der Infection nothwendig ist. Der Schüler, der noch keine selbstständige Ueber- zeugung hat und sie auch noch nicht haben kann, glaubt um so lieber dem Lehrer, wenn dessen Anweisungen überdies noch seiner Bequemlichkeit entgegenkommen und dienen, geschweige denn, dass er durch fleissiges Waschen das Gegentheil der Ansicht seines Lehrer darlegen würde, aus Furcht, sich vielleicht bei ihm missliebig zu machen. — Da es vorgekommen ist, dass an meiner Klinik, in der es an Mahnungen nicht fehlte, eine Schülerin ertappt wurde, als sie gerade eine Kreissende untersuchen wollte, nachdem sie kurz vorher gangraenöse Genitalien berührt hatte, so fühle ich mich zu der Schlussfolgerung berechtigt, dass die Chlorwaschungen bei Scanzoni und Seyfert meist in jenem strengen Masse durchgeführt worden sind, in dem es zu wünschen war, und darum müssen wir trotz alledem die Sterblichkeit in der Klinik der Genannten auf Beclmung der Infection setzen. Die Akademie der Medicin in Paris spricht sich aus dem Grunde gegen meine Theorie der Infection aus, weil in der Pariser Maternité — wo Hebammen gebildet werden — und auf der Klinik Professors Dubois — die für die Ausbildung der Aerzte bestimmt ist — genau dieselben Verhältnisse sich finden wie in Wien an der I. Abtheilung, wo Aerzte — und an der II., wo Hebammen unterrichtet werden. — und doch herrsche in beiden Pariser Abtheilungen das Kindbettfieber epidemisch. Der geehrte Leser wird sich erinnern, dass wir im Laufe unserer Abhandlung den Umstand hervorhoben, dass die Hebammeninstitute gewöhnlich frei vom epidemieartigen Kindbettfieber bleiben, während jene Institute, wo Aerzte gebildet werden, von der Epidemie des Kindbettfiebers heimgesucht werden. Die Grundursache dieser Verschiedenheit glaubten wir im Unterrichtssystem aufzufinden, namentlich darin, dass sich die Schüler bei der hauptsächlich anatomischen Richtung des medicinischen Studiums viel mit Leichen beschäftigen und den zersetzten thierisch-organischen Stoff mit ihren untersuchenden Fingern auf die Wöchnerinnen übertragen, der dann an den ihres Epithels beraubten Stellen resorbirt, Kindbettfieber hervorruft. Die Hebammen erhalten für gewöhnlich einen derartigen Unterricht, der gar keine Gelegenheit zur Verunreinigung der Hände mit zersetzten thierisch-organischen Stoffen bietet. An betreffender Stelle erwähnten wir, dass das Unterrichtssystem der Pariser Maternité hievon eine Ausnahme macht; denn dort erhalten die Hebammen einen so eindringenden Unterricht, dass sie ebenso gut, wie in anderen Instituten die Aerzte. ihre Hände mit zersetztem thierisch-organischen Stoff, herstammend von kranken Wöchnerinnen oder von Leichen, verunreinigen und in Folge davon das Kindbettfieber in solchem Masse propagiren. dass sie es sodann eiue Epidemie nennen. Darum ist es unwahr, was die Akademie der Medicin in Paris behauptet, dass die Verhältnisse der Pariser Hebammenschule identisch mit jenen der Wiener Schule seien, und dass trotzdem in der Maternité das Kindbettfieber herrschte, während dies in Wien nicht der Fall war.