Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 77 Der wesentliche Unterschied zwischen den Verhältnissen von Wien und Paris liegt darin, dass während in Paris die Hebammen ihre Hände infolge des Unterrichtssystems mit zersetzten thierisch- organischen Stoffen verunreinigen, in Wien dies gerade wegen des Unterrichtssystems nicht geschehen kann. Als Zeugniss dafür, dass das Unterrichtssystem in Paris auch wirklich so beschaffen ist, wie oben erwähnt wurde, diene das Werk J. F. Osianders: „Bemerkungen über die französische Geburtshilfe, nebst einer ausführlichen Beschreibung der Maternité in Paris! Hannover 1813.“ Der Verfasser, ein Freund Baudelocque’s, Professors an der Maternité, besuchte ein Jahr lang diese den Aerzten sonst unzugäng­liche Anstalt und giebt folgende Mittheilung über das Unterrichts­system: „Der Unterricht dauert ein Jahr lang und während dieser Frist wohnen die Hebammenschülerinnen drinnen in der Anstalt.“ Seite 31 sagt er: „Der Saal der Wöchnerinnen befindet sich im oberen Theile des linken Traktes; der Eingang aber mündet am Ende des Stiegenganges, welcher durch den ganzen ersten Stock des Haupt­gebäudes führt. Dieser Saal ist hoch gewölbt, mit hohen gegenüber­liegenden Fenstern und enthält 24 Betten, welche zum grössten Theile zwischen den Fenstern genügend weit von einander liegen und einen recht grossen Baum in der Mitte des Zimmers frei lassen. In diesem Saal lässt Beinlichkeit und Ordnung nichts zu wünschen übrig, aber die 24 Wöchnerinnen, die für gewöhnlich den Saal bewohnen, müssen nothwendigerweise die Luft verderben und ein gefährliches Miasma entwickeln. Der Entwickelung dieses Miasmas, welche oft von einem einzigen Bett ausgeht, glaubt man dadurch vorzubeugen, dass man die Kranken öfters sammt ihren Betten die Plätze wechseln lässt und ihnen neue Bettunterlagen giebt. Seite 33 steht Folgendes: „Den täglichen Visiten, die der Arzt in der Infirmerie der Wöchnerinnen macht, wohnt die Hebamme des Hauses und ein Theil der Hebammen-Schülerinnen bei. Jede Schülerin bekommt eine Kranke zur besonderen Beobachtung und sie wird un­gehalten, eine kurze Krankengeschichte, den Hergang der Geburt und die Verordnungen des Arztes aufzusetzen. Diese Kranken­geschichten werden „Bulletins cliniques“ genannt und Professor (’haussier (Primarius der Maternité) gibt sich viel Mühe, die Schüle­rinnen im Aufsetzen derselben zu unterrichten. Bei jeder Kranken geht er das Bulletin genau durch, indem er demselben ein Zutrauen " schenkt, dessen ich es selten würdig gefunden habe. Unter den Schülerinnen sind nämlich nur einzelne, welche Talent und Ernst­haftigkeit genug besitzen, um Krankheiten zu beobachten und Kranken­geschichten aufzusetzen. Diese Wenige geben allen andern die Muster zu ihren Berichten und ich habe daher oft gefunden, dass in mehreren Bulletins bei den verschiedensten Krankheiten dieselben Symptome mit denselben Worten angegeben waren. Ueberhaupt ist es auffallend genug, junge Mädchen zu sehen, die mit wichtiger Miene den Puls fühlen und Krankenbeobachtungen aufschreiben. Sie ahmen aber darin ihre Lehrerin, die erste Hebamme nach, deren Ansehen, welches sie sich am Krankenbette zu geben weiss, noch dadurch erhöht wird, dass der Arzt immer ihrer Meinung ist.“ Die Hebammenschülerinnen haben Gelegenheit das Kindbettfieber von Kranken auf Gesunde zu übertragen, was in A ien nicht geschehen

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