Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

70 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. burtshilflichen Institut eine Zeit lang sehr gross war; die Ursache konnte nicht erforscht werden, bis es sich endlich herausstellte, dass die Nachgeburten von den Hebammen in die Aborte geworfen wurden; als dies eingestellt wurde, hörte auch die Sterblichkeit auf. — Auch die angeführten Strassburger Daten verdanke ich seiner Liebens­würdigkeit. Gestützt auf die im Vorigen angeführten Thatsachen würde ich das Kindbettfieber folgender Weise definiren: Das Kindbettfieber ist ein Resorptionsfieber, bedingt durch die Resorption eines zersetzten t hie risch- organischen Stoffes. Die erste Folge der Resorption ist die Blut ent mise hung, dann stellen sich, als die localen Producte der Ent­mischung des Blutes die übrigen Folgen des Kindbett­fiebers ein, und zwar Metritis, Peritonitis, Pleuritis u. s. w. Die häufigste Quelle des resorbirten zersetzten Stoffes war in Wien die Leiche. Doch ist sie nicht die alleinige Quelle, denn ein jeder t hie risch-organische Stoff, der sich dem vitalen Pro­cess entzogen und den chemischen Gesetzen — namentlich der Zer­setzung — unterworfen wurde, ist im Stande das Kindbettfieber hervor­zurufen. So sind z. B. Secrete jauchiger Carcinome, gangraenöser Geschwüre Quellen des Kindbettfiebers, falls sie mit den zur Resorption fähigen Uteruspartien in Berührung kommen. Das Kindbettfieber kann aber nicht nur ausschliesslich durch die von aussen her eingedrungenen zersetzten tliierisch-organischen Stoffe hervorgerufen werden; — das sind die Fälle, die in den Ge­bärhäusern Ursachen des angeblich epidemischen Puerperalfiebers sind und denen man Vorbeugen kann. — Die faulen Stoffe können auch inner hab des Organismus der Wöchnerin entstehen, wenn z. B. die Eihäute oder die Placenta daraus nicht entfernt werden, oder ihre Residuen in Fäulniss oder Verjauchung geraten und auf diese Weise mit der entblössten Fläche des Uterus in Berührung kommen, resorbirt werden und Pyaemie, d. h. das Puerperalfieber her­vorbringen. Nachdem in Wien durch Einführung der Chlorwaschungen der auf der ersten Abtheilung seit Boer’s Zeiten wüthenden Kindbett­fieberepidemie Einhalt gethan worden war, (kann eine Epidemie so lange dauern ?) erkrankten wiederum plötzlich und zugleich 12 Wöch­nerinnen am Kindbettfieber: die Ursache dessen war ausschliesslich eine an verjauchendem Uterus-Carcinom leidende Frau, von der der faule Stoff auf die übrigen Wöchnerinnen, und zwar der Reihe nach, wie sie neben einander lagen und untersucht wurden, übertragen wurde, da man die Chlorwaschungen gewöhnlich nur einmal und unmittelbar vor dem Beginn der Untersuchungen anwendete und über­haupt für nothwendig hielt. Eine ähnliche Infection traurigen Aus­ganges erwähnte mir Professor Jaksch in Prag, wo bei einer vor­nehmen Familie die vor ihrer Niederkunft stehende Frau des Hauses dieselbe Hebamme zur Hilfe nahm, die vorher die krebsigen Geschwüre ihrer Schwiegermutter verbunden hatte. Umsonst war die Warnung des Professors, die kräftige junge Frau wurde in einigen Tagen das Opfer des Puerperalfiebers. Der Träger des zersetzten Stoffes ist der untersuchende Finger, die operirende Hand, Instrumente, Schwämme, Bettwäsche u. s. w.,

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