Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Semmelweis7 Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 71 u. s. w. oder die atmosphaerische Luft, die den suspendirten Stoff in sich enthält. Die Stelle der Resorption ist die innere Fläche des Uterus, welche in Folge der Monate lang dauernden Schwangerschaft durch die Eihäute bedeckt, ihrer Schleimhaut beraubt, eine grosse resorptionsfähige Fläche darbietet. Da die Schleimhaut — in ihrem unverletzten Zustande — durch eine dicke Schichte des Epitheliums gedeckt ist, verringert sich hierdurch, so wie durch das fortwährende Fliessen des Schleims und der dadurch bedingten Ausspülung die Resorptionsfähigkeit in erheblichem Masse. Die Zeit der Resorption ist die Schwangerschaft, doch nur in seltenen Fällen, da wegen Geschlossenseins des äusseren und inneren Muttermundes die eigentliche Resorptionsfläche unzugänglich ist, in Folge dessen die eingedrungenen zersetzten thierisch - organischen Stoffe nicht aufgesogen werden können. In einzelnen Fällen — wie es bei Mehrmalgebärenden zu geschehen pflegt — kann der Muttermund geöffnet sein und der untersuchende Finger dringt in die Uterushöhle ein. Der erste Kaiserschnitt, den ich zur Rettung des Kindes ausführte, war an einer an Kindbettfieber Verstorbenen; doch pflegt der während der Schwangerschaft erfolgten Infection der Abortus zu folgen. Häufiger geschieht die Resorption in der ersten, am häufigsten aber in der zweiten Periode der Geburt, weil zu dieser Zeit die Resorptionsfläche des Uterus nicht nur zugänglich ist, sondern weil diese Periode auch eine nothwendiger Weise sich darbietende Gelegenheit und Grund zur öfteren Einführung des untersuchenden Fingers zum Zweck der Ermittlung der Kindeslage, und der Ueberwachung des Geburtsverlaufes und seiner Perioden ist. Wenn die Einführung und die Resorption des zersetzten Stoffes in der zweiten Periode der Geburt geschieht, so wird auch die Frucht, welche eine Zeit lang noch durch den Blutkreislauf in Verbindung mit dem mütterlichen Organismus bleibt, inficirt und sie geht an Sepsis zu Grunde. Seltener geschieht die Uebertragung in der dritten oder vierten Periode, in der der Uterus nicht mehr zugängig ist, da der Muttermund durch den vorrückenden Kindeskörper verschlossen wird, auch die Nothwendigkeit einer Einführung des Fingers seltener ist. — In der fünften Geburtsperiode giebt die nothwendige Berührung bei der Entfernung der Nachgeburt oder bei den Nachblutungen der Uteruswände häufige Gelegenheit zur Resorption. — Im Wochenbette vermag auch die in die Uterushöhle eindringende Luft, wenn selbe mit zersetzten thierisch-organischen Stoffen geschwängert ist, das Kindbettfieber durch Resorption hervorzubringen. So kam es, dass während meiner Thätigkeit im Wiener Gebärhause, eine an vernachlässigten, stark übelriechenden, cariösen und gangrae- nösen Geschwüren leidende Frau, mit mehreren anderen zusammen längere Zeit hindurch im Gebärzimmer kreissen, zur Entwickelung des Kindbettfiebers Gelegenheit gab und den Tod von sieben oder acht Wöchnerinnen verursachte. Demnach ist das Kindbettfieber keine Krankheitsspecies, sondern es ist mit der Pyaemie identisch, das ist eine Krankheit, die nicht nur bei Wöchnerinnen Vorkommen kann und vorkommt, sondern die sich auch Männer: Chirurgen, Anatomen u. s. w., z. B. bei Leichen-