Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 69 sich die Krankheitsfälle sowohl auf der Klinik, wie in meiner Privatpraxis erheblich.“ Weiters: „Seit vorigem Sommer, wo meine Cousine am Puerperalfieber starb die ich nach ihrer Niederkunft untersucht hatte, zu einer Zeit, wo ich mit Puerperalkranken zu thun hatte, war ich überzeugt von der Uebertragung der Contagion. Es fiel mir dann noch ein. dass schon einige Monate früher eine Frau in der Stadt, zu der ich gerufen wurde, ebenfalls am Puerperalfieber gestorben war. Ich verweigerte daher meinen Beistand durch vier Wochen; eine Gebärende, der ich helfen sollte, musste deshalb einen anderen Arzt rufen; es war Prolapsus funiculi umbilicalis; er reponirte; der Arzt secirte viel, täglich. Die Entbundene erkrankte am Puerperalfieber, wurde zwar gerettet, hat aber eine Exsudatmasse am Uterus. Die Hebamme, welche hier Beistand leistete, hat wenigstens noch zwei bis drei solcher Fälle in der Stadt gehabt. — Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilung; sie hat vielleicht schon unsere Anstalt vom Untergange gerettet. — Ich bitte Sie, mich dem Dr. S. zu empfehlen und auch in diesem Sinne zu danken; er hat vielleicht einen grossen Fund gethan.“ Nicht weniger interessant ist der vom 28. August 1850 datirte Brief Professor S c h m i d t ’s in Berlin an Professor Brücke, der ihm über die Angelegenheit Mitteilung gemacht hatte: „Ich halte die überraschende Beobachtung von S. für um so beachtenswerter, da auch Sie dieselbe bestätigen, der Sie nicht nur Phj-siologe, sondern im Punkte des „post hoc ergo propter hoc“ mehr Skeptiker als Gläubiger sind.“ — Dass die Gebärenden in der Charité selbst nach den leichtesten, kaum einige Minuten lang dauernden Operationen viel leichter an Kindbettfieber erkrankten und starben, wie nach den schwersten Operationen und unter den misslichsten Verhältnissen in seiner bisherigen Landpraxis, diese Erfahrung war S. geneigt der Nosocomial- Atmosphäre zuzuschreiben. — „Aber — setzte er hinzu — die Klinik des Dr. Busch ist ausserhalb des Spitals und die Wöchnerinnen erkranken und sterben bei ihm gerade so wie bei mir; und die Schüler beider Kliniken beschäftigen sich fleissig mit Leichensectionen. Sollte nicht eine Uebertragung des Leichenmiasmas und in ihrem Verfolg zunächst Metritis septica (aber auch ähnliche Zustände) möglich sein?“ — Er aber — so wreit er sich besinnen könne — habe diese in Berlin häufigere Erkrankung nur bei Operirten beobachtet. Er hörte von Dr. Ever ken, dem Director des Paderborn er Hebammeninstitutes, dass dieser kürzlich mehrere Puerperalfieberkranke hatte, und dass er sich klar erinnere, zu jener Zeit fleissig Leichen secirt zu haben und da er von den Wiener Erfahrungen keine Kennt- niss besass, so habe er persönlich die Touchirübungen der Hebammen geleitet. Dr. Hüter, Professor in Marburg (28. December 1850), erkennt zwar als eine der Ursachen des Kindbettfiebers die Leicheninfection an, doch leitet er sie ausserdem von äusserlichen (miasmatischen) und inneren (individuellen) Ursachen ab. — Er glaubt, die Chlorwaschungen böten nicht für jeden Fall ein hinreichendes Schutzmittel, da trotz der vorherigen wie nachträglichen Waschungen bei einer Wöchnerin, nachdem sie öfters untersucht und bei ihr die Zange angelegt worden war, an der Hand eine carbunculöse Entzündung aufgetreten sei. Dr. Arneth, emer. Assistenzarzt in V ien (Paris, 12. Janüar 1851), hörte unterwegs in München, dass die Sterblichkeit im dortigen ge-