Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

68 Semmelweis- Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. Hebammenabtheilung das Kindbettfieber durchaus nicht epidemisch vorkam, wüthete es zur nämlichen Zeit in der Abtheilung für Geburts­helfer epidemieartig.. Nachdem dann die beiden Abtheilungen unter einem Chef vereinigt worden waren, hörte der Sterblichkeitsunter­schied wohl auf, aber von da ab wies auch die Abtheilung für Heb­ammen eine Sterblichkeit auf. Meine über die Entstehung des Kindbettfiebers gehegte Ansicht habe ich theils schriftlich den Vorständen zahlreicher Gebärhäuser mitgetheilt, theils durch ihre vorübergehend in Wien weilenden Schüler brieflich mittheilen lassen. Ich erhielt hierauf folgende Antworten: Professor Simpson in Edinburgh, der berühmteste Geburtshelfer unserer Zeit, erwiderte, ich könne in der englischen geburtshilflichen Literatur kaum bewandert sein, da ich. wie es scheint, nicht wisse, dass die englischen Geburtshelfer das Kindbettfieber für eine contagiöse Krankheit halten. — Er hat also die Frage, beziehungsweise meine Behauptung, nicht nach ihrem Sinne aufgefasst. Die Meinung des Professors Tilanus in Amsterdam ging dahin (9. März 1848), dass die Verbreitung und das Andauern des Kind­bettfiebers ohne Zweifel einer Contagiosität zuzuschreiben sei, wenn es bereits durch epidemische atmosphärische Verhältnisse entstand, wohin er besonders die Constitutio annua im Winter und im Frühjahr rechnet. — „Denn — so setzt er hinzu — auffallend ist doch die Analogie des puerperalen Contagiums mit dem Eiterungsfieber und der Eiteratmosphäre, die in mit chirurgischen Kranken belegten Sälen entsteht und die frischen Wunden mit Gefahr bedroht. Und eine Neuentbundene sei doch gewiss, selbst in physiologischem Betracht, als eine Frischverwundete zu betrachten.“ Er sei überzeugt, dass das Kindbettfieber häufig durch Leicheninfection entstehe, er habe diesen Ursprung in mehreren Fällen klar erkannt und nicht nur sorg­fältige Waschungen verordnet, sondern seinen Schülern auch verboten, anatomische Uebungen während ihrer geburtshilflichen Studien vorzu­nehmen. Ob durch die Chlorwaschungen das Contagium gänzlich zerstört wird, das könne er nicht wissen, da Beräucherungen mit Chlordämpfen zur Tilgung von Eiterungsfieber oder Spitalbrand- Effluvien sich als ungenügend erwiesen, und zur Erreichung dieses Ziels noch die Einwirkung eines langandauernden Luftstromes nöthig war. — Tilanus betrachtet also die Epidemie als erste Ursache des Kind­bettfiebers und in seiner Meinung über die Contagiosität begegnen wir der Anschauung der englischen Aerzte und der unbestimmten Idee des Contagiums. Der Brief des Kieler Professors Dr. Michaelis (18. März 1848), den er an seinen in Wien weilenden Schüler, Dr. Schwarz, richtete, hat mich in meinen Untersuchungen ermutliigt. „Unsere Anstalt — schreibt er — war in Folge des Puerperalfiebers vom 1. Juli bis 1. November geschlossen. Die dann zuerst wieder Aufgenommenen erkrankten, . .. wir wollten also die Anstalt schon wieder schliessen, als gerade Ihre werthen Mittheilungen ankamen. . . . Sie gaben mir wieder einigen Muth; der Beweis der Wirksamkeit der Chlor­waschungen, so weit er in Wien geführt ist, ist schon wegen der grossen Anzahl der Fälle von Bedeutung. LTnd wahrlich, seit der Einführung und genauen Anwendung dieser Waschungen verminderten

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