Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber
Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 67 Witterung ausgesetzt, ohne jeder Hilfe entbanden, und die, um das Gebärhaus zu erreichen, sofort nach der Geburt einen nicht unbeträchtlichen Weg zurücklegen mussten. — dass bei diesen Gebärenden, deren Zahl alljährlich auf Tausende ging, trotz der erschwerenden Umstände dennoch günstiger waren, wie bei jenen, die im Krankenhause gebaren. Die Erklärung dafür ist, dass jene, da sie schon geboren hatten, nicht mehr untersucht wurden und ihnen somit der gefährliche faule, thierisch-organische Stoff nicht eingeimpft werden konnte. Ich habe Gelegenheit gehabt in der Gesellschaft der Aerzte in Wien, die von den Aerzten der ganzen civilisirten Welt besucht wird. Einblicke in die Verhältnisse der übrigen Gebärhäuser zu bekommen, wobei es sich herausstellte, dass in all jenen Anstalten, in denen das Puerperalfieber epidemisch auftritt, die von mir behauptete Ursache, d. h. die Uebertragung der faulen thierisch-organischen Stoffe, nachweisbar ist, dass hingegen in all jenen Anstalten, wo das epidemische Puerperalfieber nicht auftritt, auch die obengenannte Ursache nicht besteht, Das Puerperalfieber kommt also epidemisch nicht vor in jenen Gebärhäusern, welche nicht gleichzeitig Unterrichtsanstalten sind (mit Ausnahme des Pester St. Rochus-Spitals, in der das Puerperalfieber epidemisch herrschte, obwohl dieses Spital keine Unterrichtsanstalt ist; doch war hier der Primararzt Chef der chirurgischen Abtheilung und gerichtsärztlicher Anatom zugleich, wodurch Gelegenheit für die Uebertragung der faulen thierisch-organischen Stoffe geboten war), oder welche nur als Bildungsinstitut für Hebammen dienen. Eine alleinige Ausnahme davon macht wieder die Pariser Maternité, wo das Puerperalfieber epidemisch auftritt; doch, wie bekannt, erhalten die französischen Hebammen, die zumeist aus guten Häusern stammende Jungfrauen sind, in der Maternité einen ausführlichen geburtshilflichen Unterricht, sie erlernen die Anatomie im praktischen Studium und werden namentlich in der Leichenoperation gründlich ausgebildet. An der Abtheilung, wo die Geburtshelfer unterrichtet werden (Professor Dubois), in der jährlich 125 Geburten Vorkommen, wüthet das Puerperalfieber sozusagen ununterbrochen. Das ist leicht zu erklären. Die genannte Abtheilung befindet sich im ersten Stock der École de Médecine, ebenerdig aber werden die anatomischen Vorlesungen und Uebungen abgehalten. Die hier beschäftigten Schüler werden, des Zeitgewinns halber, von jeder neu eingetretenen Phase der Geburt mittelst eines Zeichens verständigt, das bei Tage mit einer Fahne, bei Nacht mit einer ausgehängten Lampe gegeben wird, worauf sie sich eiligst von ihrer anatomischen Beschäftigung auf die Abtheilung der Gebärenden begeben und dort unmittelbar die Untersuchungen vornehmen. Im Breslauer Gebärhause, das nur für die Ausbildung von Hebammen eingerichtet ist, zeigt sich bei jährlich 3000 Geburten kein epidemisches Kindbettfieber. — In Cassel giebt es ein Gebärhaus, das mit keiner Unterrichtsanstalt verbunden ist und auch dieses blieb stets vom Kindbettfieber frei, während dasselbe im Marburger Gebärhause, das zugleich eine geburtshilfliche Bildungsanstalt ist, epidemisch ist. In Strassburg, so wie auch in Wien, gab es unter zwei verschiedenen Leitern zwei Gebärhäuser: das eine war für den Unterricht der Hebammen, das andere für den der Geburtshelfer bestimmt und beide hatten ein gemeinsames Vorzimmer. Während nun an der