Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

66 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. II. Gebärklinik wirkte, der sich vielseitig mit der pathologischen Anatomie beschäftigte, stieg die an dieser Abtheilung bis dahin so geringe Sterblichkeit auf 202 beziehungsweise auf 164. Nachdem es klargelegt war, dass die Ursache des Puerperalfiebers die Einführung von faulen thierisch-organischen Stoffen mittelst der untersuchenden Finger ist, fänden viele Erscheinungen, die täglich vorkamen und nicht zu enträthseln waren, ihre Erklärung. Hieher gehört die Be­obachtung, dass bei sämmtlichen Individuen, bei denen die zweite Periode der Geburt zögernd verlief, weswegen sie auch einige Tage im Kreisszimmer zubringen mussten, das Puerperalfieber noch während des Geburtsaktes, oder in den ersten 24 Stunden nachher auftrat, in Folge dessen Kind und Mutter plötzlichen Todes endeten; in den Leichen beider zeigte die Section einen identischen pathologisch-ana­tomischen Befund. Zögerungen der zweiten, d. h. der Eröffnungs­periode, kamen auch an der II. Gebärklinik vor, ohne dass jedoch der Geburtsakt einen tödtlichen Ausgang für Mutter oder Kind genommen hätte. Dies erklärt sich dadurch, dass, wenn die Wöchnerin wegen zögernden Verlaufes der Eröffnungsperiode längere Zeit im Kreiss­zimmer der I. Abtheilung verblieb, sie sicher öftere Male mittelst verunreinigten Fingern untersucht und ihr dabei um so sicherer der faule, thierisch-organische Stoff eingeimpft wurde; da aber das Kind mit der Mutter in Verbindung blieb, wurde dieser Stoff durch den Blutkreislauf auch ihm mitgetheilt, — was bei beiden den Tod durch Pyaemie nach sich zog. Nachdem die Chlorwaschungen streng durch- geführt wurden und auf diese Weise die Untersuchung mit gereinigten Händen geschehen konnte, fiel die Gefahr eines tödtlichen Ausgangs in Folge Zögerung der Eröffnungsperiode weg. Eine zweite Erscheinung war, dass das Kindbettfieber an der I. Abtheilung nicht selten schon während der Schwangerschaft aus­brach. Dies erklärt sich nunmehr daraus, dass die Schwangeren in das Wiener Gebärhaus in den verschiedensten Monaten ihrer Schwanger­schaft aufgenommen werden, damit die Schüler Gelegenheit hätten, sich mit dem Verlauf der Schwangerschaft in ihren auf einander folgenden Monaten experimentell bekannt zu machen. Durch die Untersuchungen der Schüler wurde bei diesen Schwangeren die Re­sorption des faulen thierisch-organischen Körpers gerade so verursacht, wie bei den Gebärenden, demzufolge das Kindbettfieber sich noch während der Schwangerschaft entwickelte. Dass es seltener bei Schwangeren als bei Wöchnerinnen auftrat, dies ist leicht daraus zu erklären, dass die Resorptions-Bedingungen bei den Wöchnerinnen viel günstiger waren, als bei den Schwangeren. An der Hebammen- Abtheilung kam das Kindbettfieber bei Schwangeren überhaupt nicht vor und nachdem die Chlorwaschungen eingeführt waren, blieb es auch an der Aerzte-Abtheilung aus. Eine dritte Erscheinung war das reihenweise Erkranken der Wöchnerinnen (ganze Reihen erkrankten). Dies erklärt sich daraus, dass bei der ärztlichen Visite sämmtliche Kreissende der Reihe nach untersucht wurden, wie sie in den nebeneinanderstehenden Betten dalagen; sie mussten dann auch in der nämlichen Reihe erkranken. Eine vierte auffallende Erscheinung war die, _ dass bei den so­genannten Gassengeburten, d. h. bei solchen Individuen, die in das Gebärhaus eilend unterwegs von der Geburt überrascht wurden und auf diese Weise auf der Gasse, den verschiedenen Unbillen der

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