Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. 65 trotz allen Waschens mit Seife das Ungenügende ihrer Reinigung durch einen üblen Geruch verrathen. Der durch unsichtbare,“ nur durch den Geruch wahrnehmbarer Cadavertheile verunreinigte Finger wird zu geburtshilflichen Untersuchungen benützt und bis zum Mutter­mund hinaufgeführt, also bis zu jenem Theile der Gebärmutter, der Monate hindurch mit der Eierhaut bedeckt war, in Folge dessen sie ihrer Schleimhaut entblösst, eine grosse resorptionsfähige Fläche bietet. Wenn dieses Raisonnement richtig war, so musste durch die Be­seitigung der Ursache nothwendigerweise auch die Folge, d. h. die Sterblichkeit beseitigt werden. Aus diesem Grund, um die an der Hand klebenden Cadavertheile zu zerstören, wurde das Waschen der Hände mit Chlor verordnet. Am 20. März 1847 wurde ich Assistenzarzt an der I. Geburts­hilflichen Klinik. Im Monate April starben 57 Wöchnerinnen. Mitte Mai (ich erinnere mich nicht mehr genau des Tages) wurden die Chlorwaschungen vorgeschrieben. In diesem Monat kamen 36 Todes­fälle vor. — Von da angefangen im Juni 6, Juli 3, August 5, September 2, October 11, November 11, December 3. Das Jahr 1848 gab noch günstigere Resultate. Von 3780 Ent­bundenen starben nur 45, auf der Hebammen-Abtheilung von 3291 nur 43. Im September 1849 starben an der Abtheilung der Hörer 60, an der Hebammen-Abtheilung 76. Während zwei Jahren zeigte sich also absolut kein Unterschied zwischen den beiden Abtheilungen, wo doch zuvor die Sterblichkeit an der Abtheilung der Hörer ungeheuer gross im Vergleich zu der Sterblichkeit der Hebammen-Abtheilung gewesen war. Dieser glänzende Erfolg beweist, dass die Vorausgesetze Ursache des Sterblichkeitsunterschiedes zwischen den beiden Abtheilungen, nämlich die durch die verunreinigten Finger stattgehabte Resorption wirklich die wahre Ursache war, da mit ihrer Beseitigung auch die Folgen abgewendet wurden, während vorher die Eliminirung aller supponirbaren und verdachterregenden Ursachen dieses Resultat nicht ergeben hatte. Wenn wir die seit dem Jahre 1792 existirenden Ausweise des Gebärhauses durchblättern, so stellt sich heraus, dass in dem Masse wie die anatomische Richtung der Wiener Schule von Jahr zu Jahr immer stärkere Geltung erlangte, auch die Sterblichkeit mit ihr Schritt haltend von Jahr zu Jahr grösser wurde; ja es ist sogar der geringere oder stärkere Hang der in dem Gebärhause ange- stellten Aerzte zur anatomischen Schule in der grösseren oder kleineren Sterblichkeit erkennbar. Gleich zu Beginn der Trennung des grossen Gebärhauses in zwei Abtheilungen wurde die Veranstaltung getroffen, dass die eine Hälfte der Schüler und der Hebammen an der I. Abtheilung, die andere Hälfte ihren Unterricht an der II. Abtheilung erhalte. Solange die Schüler an beiden Abtheilungen im gleichen Masse vertheilt waren, war die Sterblichkeit an beiden Abtheilungen eine gleichförmig grosse; nur vom 19. April 1839 angefangen, als sämmtliche Schüler auf die I. Gebärklinik und sämmtliche Hebammen auf die II. gewiesen wurden, entstand der erschreckende Unterschied zwischen der Sterblichkeit beider Abtheilungen. Nur in den Jahren 1842 und 1843, als ein Assistenzarzt aui der Semmelweis’ gesammelte Werke. 0

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