Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

454 Semmelweis’ Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber. Herr Hofrath sagen: „das Puerperal-Fieber hat einen miasmati­schen oder contagiösen Anspruch“. Das Miasma sei von atmosphärischen Einflüssen abhängig; welches aber die Aenderungen der Atmosphäre seien, welche in ihrem Vereine unter dem Namen Miasma begriffen werden, sei völlig ungewiss. Ein Puerperal-Miasma in diesem Sinne existirt nicht. Die atmosphärische Luft kann allerdings mit zersetzten Stoffen verunreinigt sein; aber diese zersetzten Stoffe sind nicht das Product von Einflüssen oder Aenderungen der Atmosphäre, sondern selbe sind das Product der drei Quellen des zersetzten Stoffes, welche ich in meiner Schrift für den zersetzten Stoff anführe. Um zu beweisen, dass das Kindbettfieber in Folge eines Miasmas -entstehe, welches das Product ungewisser atmosphärischer Einflüsse und Veränderungen sei, führen Herr Hofrath folgende Gründe an: Sie sagen, das Kindbettfieber komme epidemisch vor. „Gustav Braun hat bewiesen, dass man so Viele inficiren kann, dass 400 in einem Jahre sterben“. Das Kindbettfieber komme zu derselben Zeit in verschiedenen Lokalitäten vor. „Wenn Viele auf dem Kreissezimmer inficirt werden, so wird zu derselben Zeit bei den in verschiedenen Lokalitäten verpflegten, auf dem Kreissezimmer inficirten, das Kindbettfieber entstehen.“ Dass die Krankheit ohne Unterschied auf Individualität, Alter und Stand ihre Opfer fordere. „Der zersetzte Stoff ist ein so furchtbares Gift, dass er bei jeder Individualität, jedem Alter und jedem Stande das Kindbettfieber hervorbringt.“ Um zu beweisen, dass das Kindbettfieber durch ein Miasma her­vorgebracht werde, welches von unbekannten atmosphärischen Ein­flüssen und Aenderungen abhängig sei, führen Herr Hofrath den Umstand an, dass zu gewissen Zeiten immer Wöchnerinnen in be­stimmten geographisch mehr weniger ausgebreiteten Gegenden in mehr oder weniger beträchtlicher Zahl erkranken. Sehen Sie nach, Herr Hofrath, in Ihrem Cataloge, wie viele Schüler Sie schon, seit Sie Professor der Geburtshilfe sind, in die Praxis gesendet haben; keinem Einzigen haben Sie gesagt, dass das Puerperal-Fieber dadurch entstehe, dass den Individuen ein zersetzter Stoff von Aussen eingebracht werde; bis zum Jahre 1847 ist das an keiner Lehranstalt den Schülern und Schülerinnen gesagt worden. Seit 1847 habe ich es durch 21 Monate in Wien meinen Schülern gesagt; und sechs Jahre sage ich es meinen Schülern und Schülerinnen zu Pest. Diese unwissenden Schüler und Schülerinnen sind überall, wo der Mensch wohnt; und ist es da zu wundern, wenn zu gewissen Zeiten immer Wöchnerinnen in bestimmt geographisch mehr oder weniger ausgebreiteten Gegenden in mehr oder weniger beträchtlicher Zahl erkranken? Dieses Argument ist ein Beweis, wie wenig Sie, Herr Hofrath, über diesen Gegenstand, über welchen Sie schreiben, aufgeklärt sind; denn das, was ein Verbrechen der Professoren der Geburtshilfe ist, dass ihre Schüler und Schülerinnen, welche selbe in Unwissenheit ge­lassen, so viele Wöchnerinnen in geographischer Verbreitung ermorden, das Sie mit grosser Gemüthsruhe [diese Verbrechen] als Beweis für die Wahrheit der Lehre der Epidemiker anführen.

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