Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe. 455 Herr Hofrath sagen: „Diese Thatsachen werden nicht allein durch Berichte aus Gebäranstalten, sondern auch von Aerzten kleiner Städte beglaubigt ; ja auch häufig wird dieselbe Beobachtung auf dem platten Lande gemacht“. Natürlich, in den in geographischer Verbreitung befindlichen Ge­bärhäusern inficirt der unwissende Herr Professor, der unwissende Herr Assistent und die unwissenden Schüler und Schülerinnen; die Schüler und Schülerinnen gehen auch in kleine Städte und auf das platte Land, um sich ihr Brot zu verdienen; und weil sie der Herr Professor im Gebärhause in Unwissenheit gelassen hat, über die Ent­stehung und Verhütung des Kindbettfiebers, weil der Herr Professor selbst nicht weiss, wie das Puerperal-Fieber entsteht, und wie es verhütet werden könne, so setzen diese Medicinal-Individuen männ­lichen und weiblichen Geschlechts in kleineren Städten und auf dem platten Lande die Infectionen fort, welche dieselben aus Unwissenheit im Gebärhause begonnen haben. Herr Hofrath, ich kenne Sie als einen äusserst gemüthlichen, äusserst guten Mann; ich bin überzeugt, dass es Ihnen nicht möglich ist, Jemand etwas Unangenehmes absichtlich zu bereiten; und dennoch mit solch’ einem Gemüth suchen Sie, weil Sie über die Entstehung und Verhütung des Kindbettfiebers nicht aufgeklärt sind, nicht nur in Gebärhäusern, sondern auch in kleinen Städten und auf dem platten Lande nach Leichen aus Unwissenheit ermordeter Wöchnerinnen, um eine Stütze für Ihre gegenwärtige Lage zu finden; ich beschwöre Sie, Herr Hofrath, machen Sie sich die Wahrheiten zu eigen, welche in meiner Schrift enthalten sind, damit Sie, Ihrem Gemüthe entsprechend, eine Stütze für Ihre neue Ueberzeugung finden mögen in den heiteren Mienen der Wöchnerinnen, und — in der leeren Todtenkammer. Herr Hofrath sagen, dass es bisher nicht gelungen ist, die atmo­sphärischen, das Kindbettfieber erzeugenden Einflüsse kennen zu lernen, weil unter verschiedenem Klima und Witterungswechsel Kindbettfieber- Epidemien Vorkommen. Natürlich, was nicht existirt, kann man nicht kennen lernen; aber unter verschiedenem Klima und Witterungswechsel kann inficirt und dadurch eine Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie hervor­gerufen werden; und wenn Herr Hofrath sagen; das Einzige, was fest steht, ist, dass die häufigsten und bösartigsten Epidemien mehr im Winter als im Sommer auftreten, dass eine im Winter herrschende Epidemie plötzlich aufhöre, wenn die Witterung milder und wärmer wird, so liegt der Grund dieser Erscheinung darin, dass der Winter vorzüglich die Zeit ist für die Beschäftigten mit Dingen, welche die Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen, und dass mit dem Eintritte milder und wärmerer Witterung diese Beschäftigungen nicht mehr in dieser Ausdehnung betrieben werden, wie in der kalten Jahreszeit. Die Beweise für diese meine Erklärung finden Sie, Herr Hofrath, in meiner Schrift, Seite 121.*) Herr Hofrath stellen die Frage: ob das Kindbettfieber einen directen genetischen Zusammenhang mit anderen endemischen und epidemischen Krankheiten habe? Ich beantworte diese Frage dahin: wenn die andern endemischen und epidemischen Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen, so werden die anderen endemischen und epidemischen Krankheiten dadurch das Puerperal-Fieber erzeugen; dass die Aerzte ') [Seite 170.]

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