Győry, Tiberius von dr.: Semmelweis' gesammelte Werke (Jena, 1905)

Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber

Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe. 453 ich die Lehre von den Puerperal-Prozessen gebracht habe, und dieser Standpunkt wird der Standpunkt für di6 Lehre von den Puerperal- Prozessen bleiben, so lange das menschliche Weib gebären wird. Pnd Herr Hofrath haben dadurch, dass Sie die Lehmann'sche Arbeit auch in Deutschland verbreiteten, obwohl Sie meine Schrift gelesen, bewiesen, dass Sie nicht das geringste Verständniss haben für den Standpunkt, auf welchen ich die Lehre von den Puerperal-Prozessen in neuester Zeit in meiner Schrift gebracht habe. In den einleitenden Worten zur Lehmann’schen Aetiologie und Pathogenese des Kindbettfiebers gebrauchen Herr Hofrath Ausdrücke, welche wieder zum zu often Male beweisen, dass es für Sie ohne Nutzen war, mein Werk zu lesen. Sie sagen: „man hat sich bemüht, in das Geheimnissvolle dieser Krankheit zu dringen, und dennoch ist man nicht im Stande über die Natur derselben ein hinreichendes Licht zu verbreiten. Viele Punkte bewegen sich noch im Reiche der Hypo­thesen und erwarten ihre Lösung von der Zukunft“. In der Aetiologie, in dem Begriffe und in der Prophylaxis des Kind­bettfiebers gibt es nichts Geheimnissvolles mehr; über die Natur des Kindbettfiebers ist ein sonnenklares Licht verbreitet; kein einziger Punkt ist eine Hypothese, und die Zukunft hat in diesen drei Punkten nichts mehr zu lösen. Ihre lange Abhandlung, welchen Namen man eigentlich dieser Krankheit, welche man gewöhnlich Kindbettfieber nannte, geben solle,, will ich nicht besprechen; ich gebe lieber den Namen, welchen ich dieser Krankheit gebe: ich nenne diese Krankheit „das Resorptions- Fieber des Weibes in der Fortpflanzungsperiode“. Das Erste der Krankheit ist die Resorption eines deletären Stoffes; das Zweite ist die Blutentmischung, und schon in diesem Stadium wird die Krankheit in seltenen Fällen tödlich; das Dritte sind die Exsudationen. Sie sehen, Herr Hofrath, dass diese Bezeichnung der Krankheit die Fälle, wo die Section nicht das mindeste von einer Localaffection nachweiset, nicht ausschliesst. Ich lehre, dass jeder Fall von Kindbettfieber dadurch entstehe,, dass ein deletärer Stoff resorbirt werde; dieser deletäre Stoff wird am häufigsten den Individuen von Aussen eingebracht; der Träger, mittelst welchen der deletäre Stoff den Individuen von Aussen beige­bracht wird, ist der untersuchende Finger, die operirende Hand, In­strumente, Bettwäsche, die atmosphärische Luft, Schwämme, die Hände der Hebammen und Wärterinnen, welche mit den decomponirten Excrementen schwer erkrankter Wöchnerinnen oder anderer Kranken, und hierauf wieder mit Kreissenden und Neuentbundenen in Berührung kommen, Leibschüsseln; mit einem Worte: Träger des deletären Stoffes ist alles das, was mit einem deletären Stoffe verunreinigt ist und mit den Genitalien der Individuen in Berührung kommt. Da bei unverletztem Körper nur die innere Fläche des Uterus resorbirt, vom inneren Muttermunde angefangen nach aufwärts, so folgt daraus, dass, wenn die atmosphärische Luft der Träger der deletären Stoffe ist, die atmosphärische Luft nur in der Nachgebnrts- periode und im Wochenbette inficiren kann, wenn nur in der Nach­geburtsperiode und im Wochenbette die innere resorbirende Fläche des Uterus der atmosphärischen mit deletären Stoffen geschwängerten Luft zugängig ist.

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