Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

74 Puerperalfiebers für sich und Fergusson in Anspruch nimmt, da bis auf die jetzige Zeit rücksichtlich des Wochenbettfiebers meist nur von der Aufsaugung eiteriger oder fauler innerhalb des Uterus er­zeugter Stoffe oder der Aufnahme einer mit den letzteren impräg­nierten Luft als Erzeugungsursache die Rede war, niemals aber mit Bestimmtheit auf die materielle Übertragung kadaveröser Teile durch die Untersuchung hingewiesen wurde, wie Dr. Semmelweis es tat. Hierauf spricht Professor Hayne seine Verwunderung aus, daß sogar über die Priorität der ausgesprochenen Ansichten ein Streit entstehen kann, indem die nun für die Genesis des Wochenbettfiebers beim Menschen als neu aufgestellte Erklärungsweise von ihm bereits im Jahre 1830 in seinen tierärztlichen Schriften für das dem Wesen nach gleiche Fieber der Rinder veröffentlicht worden ist.*) Dem folgt nun ein Vortrag von Dr. Lumpe, ehemaligen Assistenten an der I. geburtshilflichen Klinik. Die Hauptgründe, die derselbe gegen die von Dr. Semmelweis ausgesprochenen Ansichten geltend macht, lassen sich in nachfolgende Sätze zusammenstellen: Es findet sich in den Ausweisen des Gebärhauses eine solche Zu- und Abnahme und ein so großer Unter­schied in der Sterblichkeit der Wöchnerinnen in den verschiedenen Monaten eines und desselben Jahres (z. B. im Jahre 1841, der Zeit der Assistenz des Dr. Lumpe), daß man dieselbe aus einer sich gleichbleibenden Ursache, wie dies die Imprägnierung mit faulen organischen Stoffen von der Leiche her bei einer sich das ganze Jahr sich gleichbleibenden Anzahl von Kandidaten notwendig sein muß, unmöglich erklären könnte, ebensowenig wie dies, daß in acht aufeinander folgenden Monaten (zwei ausgenommen) die Sterblichkeit der Wöchnerinnen sich unter jenem Verhältnisse stellte, welches sich zeit­weise auch jetzt bei den angeführten Chlorkalkwaschungen ergibt. — Ebenso unerklärt bleibe, daß in solchen Monaten, in denen für die Kandidaten eine größere Möglichkeit der Selbstimprägnierung mit faulenden Stoffen durch zahlreiche geburtshilfliche Übungen an den Leichen gegeben war, dann daß in jenen Entbindungsfällen seltener Art, in welchen des Unterrichtes willen die Untersuchungen häufig unternommen worden sind, somit für die Wöch­nerinnen die Wahrscheinlichkeit der Inquination eine größere war, daß ge­rade in diesen Monaten und Fällen sich die Sterblichkeit der Betreffenden als eine geringere herausstellte. Dr. Semmelweis habe somit gefehlt, die Resultate von ganzen Jahren und nicht die der einzelnen Monate und Fälle miteinander verglichen zu haben. Es könne die Epidemie, wie sie in fast acht Monaten eines und des­selben Jahres bei gleichen Einflüssen schwieg, nun aus gleich unbekannten Ursachen durch drei Jahre, der Zeit seit der Einführung der Chlorkalk­waschungen, gleichfalls schweigen. Die weit größere Sterblichkeit aber auf der I. geburtshilflichen Klinik leitet Dr. Lumpe daher, daß auf derselben durch vier Tage der Woche Schwangere aufgenommen wurden, daher die *) In der Tat äußert sich Professor Hayne bei Gelegenheit des Fallenfiebers der Tiere, daß dasselbe nicht so häufig epidemisch sei als beim Menschen, bei welchem durch die Untersuchung das Contagium von einer kranken auf eine gesunde Wöch­nerin leicht übertragen werde; er hält somit das Kindbettfieber selbst für kontagiös, im Gegensätze zu Dr. Semmelweis, der dasselbe für einen pyämischen Prozeß erklärt, erzeugt durch Einbringung fauler Stoffe, von welch immer für einer Krankheit oder Leiche her.

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