Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

75 Lüftung der Zimmer nie eine so vollkommene sein konnte als auf der II. Klinik, an welcher die Aufnahme nur auf drei Tage der Woche be­schränkt ist5 ebenso glaubt Dr. Lumpe, daß bei genauerer Beobachtung auch in der Privatpraxis sich bei der Frequenz der Wochenfieber ein epidemischer Einfluß sich heraussteilen dürfte, und hier überall nur die Resorption als Ur­sache annehmen zu wollen, sei viel zu gezwungen; jedenfalls sei somit in dieser Sache das Endurteil nur von der Zeit abzuwarten, in der man aber fortfahren solle, zu waschen. Dagegen erwidert Dr. Semmelweis, daß die Zahl der Sektionen, die vorgenommen werden, und der Besuch der Leichenkammer so sehr wechseln, daß bei einer auch das ganze Jahr hindurch gleich bleibenden Anzahl von Kandidaten doch die Einschleppung fauler or­ganischer Stoffe vom Sektionstische her, so sie überhaupt zugegeben wird, bald als eine stärkere, bald als eine mindere angenommen werden muß, und wirklich hat sich auch in den Wintermonaten, in welchen bekanntermaßen die Häufigkeit der Leichenöffnungen und des Besuches derselben von Seiten der Schüler immer der größte ist, das Wochenbettfieber viele Jahre hindurch am verheerendsten be­hauptet; ebenso fallen jene von Dr. Lumpe angeführten 8 Monate mit geringerer Mortalität in das wärmere Zweidritteil des Jahres. Wenn aber Dr. Lumpe den von ihm gegebenen geburtshilflichen Kursen eine so große Wichtigkeit beilegt, so könne Dr. Semmelweis dieser nicht beipflichten, indem derlei Kurse meist aus bloß mündlichen Vor­trägen sonst bestanden haben, bei deren Beendigung einige geburts­hilfliche Übungen vorgenommen wurden, ebenso wie seine Erfahrungen und die anderer Geburtshelfer rücksichtlich der Sterblichkeit der Wöchnerinnen nach künstlichen Entbindungen oder besonderen Kindes­lagen geradezu im Widerspruche stehen mit dem, was Dr. Lumpe bei denselben beobachtet haben will. Bezüglich nun der Aufnahme von Schwangeren auf der ersten Gebärklinik durch 4 Tage der Woche und der dadurch mehr gehinderten Lüftung der Zimmer als sein sollende Ursache der immer größeren Anzahl von Puerperalerkrankungen auf derselben im Vergleiche mit der zweiten Klinik, so hat offenbar Dr. Lumpe ganz übersehen, daß die Lokalitäten der ersten Klinik weit geräumiger sind, somit niemals so überfüllt waren, als die der zweiten Klinik, trotz der nur auf 3 Tage der Woche beschränkten Aufnahme. Betreffs des epidemischen Einflusses aber, den Dr. Lumpe selbst in der Privatpraxis in der Erzeugung von Wochenbettfieber beobachtet haben will, so spricht bisher wenigstens die allgemeine Erfahrung der Arzte dagegen.” Primar-Geburtsarzt Dr. Cfliari hat „aus den Protokollen beider Ge­burtskliniken von 12 Jahren her die Anzahl der Entbindungen und die der Todesfälle in jedem einzelnen Monate zusammengestellt und daraus ersicht­lich gemacht, daß in den Sterblichkeitsprozenten nach den verschiedenen Jahreszeiten kein auffallender Unterschied ist, und daß die größte Mortalität an der ersten Klinik auf die Monate Januar, Oktober, November und Dezem­ber fällt, indes an der zweiten Klinik gerade im Januar die geringste, im März, Juni und Juli die größte Sterblichkeit sich zeigte; woraus hervorgeht,

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