Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

63 die Genitalien oder durch Einimpfungen derselben der Wirkung des deletären Stoffes aussetzen könnte. Nach der Ansicht des ehrfurchtsvoll Gefertigten haben nur solche, vorurteilsfrei und öffentlich vorgenommene Experimente beweisende Kraft und sonderbar erscheint es, daß dieser so nahe liegende Gegenstand bis jetzt noch von keiner Seite angeregt wurde. Da die Durchführung dieser Vorschläge keinen besonderen Schwierig­keiten unterliegen und sich gewiß jeder Arzt mit Vergnügen zur Lösung dieser so wichtigen und interessanten Streitfrage bereit zeigen dürfte, so sieht sich der Gefertigte, wenn vom theoretischen Standpunkte kein Einwurf gegen die von ihm empfohlenen Maßregeln erhoben werden kann, genötigt, auf die praktische Durchführung derselben um so mehr zu dringen, als, wenn die besagte Krankheit wirklich contagiös wäre, sämtliche Gebär­häuser als wahre, vomStaate unterhaltene Mörderhöhlen betrachtet werden müßten. Stellt sich aber das Puerperalfieber als nicht kontagiös dar, wie es dem ehrfurchtsvoll Gefertigten mehr als wahrscheinlich ist, wird vielmehr der Einfluß kosmischer und tellurischer Verhältnisse als Kausalmoment sichergestellt; so entledigt sich eine hohe k. k. Landesregierung aller jener Vorwürfe, welche mittelbar auch ihr wegen der Aufrechthaltung der Gebär­anstalten von so manchen Seiten gemacht werden; fest überzeugt ist aber der Gefertigte, möge das Untersuchungsresultat wie immer ausfallen, daß sich ein hohes k. k. Landesgubernium und die von ihm niedergesetzte ärztliche Kommission durch die Lösung einer so hochwichtigen Frage ein unsterbliches Verdienst um die Menschheit und um die Wissenschaft erwerben werde. Prag, am 29. März 1849. Dr. Scanzoni m. p Hierauf entschied ein hohes böhmisches Landesgubernium ddo. 20. Juli 1849 s. Nr. E. 41268, daß die von uns vorgeschlagenen Versuche, da gegen ihre Vornahme kein Bedenken erhoben werden kann, entweder in der Gebär­anstalt oder auf der uns unterstehenden Abteilung für Frauenkrankheiten durchzuführen seien, und wir hätten dieselben alsogleich in Angriff genommen, wenn sich nicht Herr Professor Kitter v. Jungmann dahin ausgesprochen hätte, daß sie erst zur Zeit einer Epidemie gemacht werden sollen. Dieser Ansicht glaubte die Prager k. k. Krankenhausdirektion beitreten zu müssen und so kam es, daß wir erst am 4. Februar 1850 den Auftrag und die Bevollmächtigung erhielten, die von uns vorgeschlagenen Versuche vornehmen zu dürfen. Zugleich wurden wir aufgefordert, diejenigen Herren Arzte nam­haft zu machen, deren Beiziehung zu diesen Versuchen uns wünschenswert erscheint. Wir nannten die Herren Professoren v. Jungmann, Engel, Hamernik und Jaksch und hoffen, daß wir bald in den Stand gesetzt sein werden, die Resultate dieser Versuche zu veröffentlichen. Ob es uns gelingen wird, so wie Professor Skoda über die Ermittlung oder Konstatierung der wahren Ursache der häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen in Gebärhäusern referieren zu können, dies wagen wir nicht im vorhinein auszusprechen.” Das war nicht mehr ein wissenschaftlicher Kampf, kein Ringen um die Erkenntnis der Wahrheit, sondern sehr persönliches, gehässiges Gezänke unter dem Scheine der Wissenschaftlichkeit. Nur reines Denken bringt den Forscher vorwärts. Beeinflussen ihn persönliche Momente, so ist es aus mit seiner Unbefangenheit. Er hört auf, ein Forscher zu sein, er wird zum Geschäftsmann, der seine Stellung, Autorität, Macht,

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