Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

64 sein Ansehen verteidigt, er wird zum Betrüger an der Wissenschaft. Nicht mehr das Streben nach Wahrheit leitet ihn, sondern die Sucht, Recht zu behalten, den Gegner niederzuringen. Und zu diesem Zwecke ist ihm kein Mittel zu schlecht. Da wird die Logik umgangen, die Wahrheit dreist gefälscht, geleugnet — vor nichts fast schreckt er zurück, wenn er nur vor der Welt als Sieger dasteht. Ein Schulbeispiel für diese gefährliche Sorte sogenannter Ge­lehrter ist Scanzoni. Die Tatsachen und Schlüsse, aus deren Kom­bination Semmelweis’ Entdeckung hervorgegangen ist, bieten ihm nichts neues, er geht einfach über sie hinweg. Über den wichtigsten Teil der ganzen Lehre! Dann mußte ihm freilich jedes Verständnis für letztere abgehen. Und wie konnte er behaupten, Semmelweis’ Schlüsse böten nichts neues! Die Tatsachen, von denen er ausging, waren teilweise längst bekannt, aber die Schlüsse, die er daraus zog, waren durchaus neu. Scanzoni hatte sich offenbar keine Mühe gegeben, diesen Teil von Skoda’s Vortrag genau zu lesen, zu studieren. Daß ihn überhaupt Gewissenhaftigkeit nicht plagte, geht daraus hervor, daß er immer nur von Leicheninfektion spricht, trotzdem er Hebra’s aufsehenerregende Mitteilung über Semmelweis’ Entdeckung gelesen hatte. Und Hebra’s wiederholter Appell an die Vorstände der Gebärhäuser hatte bei Prof. Jungmann und Assistent Scanzoni taube Ohren gefunden. Unter solchen Umständen konnten die Chlorwaschungen freilich keinen Er­folg haben, Scanzoni war ja gar nicht darüber unterrichtet, wie er sie durchzuführen hatte. Im Anschlüsse an Scanzoni’s Auslassungen erschienen „Ergänzende Bemerkungen zu dem vorstehenden Aufsatze. Von Dr. Bernhard Seyfert, Assistenten im Prager k. k. Gebärhause. Aufgefordert, die während unserer Dienstleistung im Prager Gebärhause mit den Chlorwaschungen erzielten Resultate zu veröffentlichen, teilen wir hier in Kürze dasjenige mit, was uns zur Beleuchtung dieses so wichtigen Gegenstandes notwendig erscheint. Vor allem müssen wir uns von dem Verdachte reinigen, als hätten wir uns trotz der Aufforderung von Seiten der Wiener Gebäranstalt halsstarrig der Anwendung der Chlor­waschungen widersetzt. Denn erstens ist nie eine solche Aufforderung an uns ergangen, wir sind nur auf indirektem Wege, nur durch fremde durchreisende Ärzte mit der Sache bekannt gemacht worden, und zweitens haben wir auch so viel Verstand und Herz, als daß wir einen Gegenstand von so hoher Wichtigkeit hartnäckig von uns gewiesen hätten, einen Gegen­stand, von dem wir wußten, daß auf demselben in Wien ein so großes Ge­wicht gelegt wurde, und wegen dessen wir, wenn er sich bewährt hätte, mit Recht hätten zur Verantwortung gezogen werden müssen. Als ich nach Dr. Scanzoni die Stelle des Assistenten im Gebärhause übernommen hatte, setzte auch ich die, wie von ihm erwähnt wurde, früher einmal ausgesetzten Chlorwaschungen wieder ununterbrochen fort, bin aber nicht so glücklich, berichten zu können, wir hätten durch dieselben eine be­sonders günstige Umwandlung des Mortalitätsverhältnisses erfahren, sondern es erkrankten eben nicht mehr als andere Jahre, wo die Chlorwaschungen nicht vorgenommen wurden. Wohl heißt es auch in der Ankündigung dez-

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