Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

62 • — Beantwortung der Frage, wie dem heftigeren Ausbruche dieser Krankheit vorgebeugt werden könnte, als ein Desiderat jedes menschenfreundlichen Arztes, und die Humanität hat ein gegründetes Recht, von einer hohen Landesregierung zu fordern, daß alle, zur Lösung dieser für das Wohl der Menschheit so hochwichtigen Frage, geeignet scheinenden Wege eingeschlagen und kein Mittel unbenutzt gelassen werde, das Wesen dieser furchtbaren und dabei noch immer so rätselhaften Krankheit zu erforschen. Der ehrfurchtsvollst Gefertigte hat aber während seiner mehr als fünf­jährigen Dienstleistung in den Krankenanstalten Prags die Überzeugung gewonnen, daß alle in dieser Periode und auch schon früher angeordneten Maßregeln, das Wesen der besagten Krankheit näher zu ergründen, den an­gestrebten Zweck gänzlich verfehlten; weshalb er, mit dem objektiven Auf­treten der Krankheit innig vertraut, als Mitglied der am 28. 1. M. im k. k. Gebärhause abgehaltenen Untersuchungskommission es wagt, einem hohen k. k. Landesgubernium die ihm zur Feststellung der Natur der Krankheit am geeignetsten scheinenden Maßregeln zur hohen Genehmigung ergebenst zu unterbreiten. Die praktische Durchführung derselben erscheint um so dringlicher, als den Prager k. k. Gebäranstalten und somit mittelbar auch einem hohen k. k. Landesgubernium bereits hierorts, wie auch anderwärts der Vorwurf gemacht wurde, daß sich dieselben bei den so zahlreich erfolgenden Erkrankungen und Sterbefällen im Gebärhause gänzlich indolent verhalten und keinen durchgrei­fenden Versuch anstellen, ein helleres Licht über die Wahrheit und Entstehungsweise dieser so bösartigen Krankheit zu ver­breiten. Da es sich aber zunächst darum handelt, mit Bestimmtheit zu er­gründen, ob dem so häufig in- und extensiv heftigen Auftreten des Puerperal­fiebers in der Gebäranstalt ein bloß epidemischer, in kosmischen und tellurischen Verhältnissen begründeter oder ein miasmatischer Einfluß zu­grunde liegt, welcher durch die Zusammenhäufung mehrerer Schwangeren, Kreißenden und Wöchnerinnen bedingt ist, oder ob sich endlich die Krankheit durch ein eigenes Kontagium, durch eine Infektion weiter fortpflanze; so scheint dem ehrfurchtsvoll Gefertigten zur Lösung dieser Fragen folgender Weg als der passendste: 1. Möge vor allem eine Kommission von Ärzten niedergesetzt werden, welche wenigstens durch ein ganzes Jahr nach einem zuvor entworfenen Plane die Entstehungsanlässe des Puerperal­fiebers in- und außerhalb der Gebäranstalt strenge prüft.-----------­2. Wäre das Erkrankungs- und Mortalitäts Verhältnis der während derselben Zeit in der Stadt, außerhalb des Gebärhauses entbundenen Frauen zu erforschen, weshalb sämtliche angestellte und Privatärzte Prags anzuweisen wären, gleichwie bei anderen epidemisch auf­tretenden Krankheiten dem Bezirksvorstände die entsprechende Meldung zu ‘tun und diesem Rapporte eine kurze Kranken- und Geburtsgeschichte mit besonderer Rücksicht auf die Kausalmomente der Erkrankung beizufügen. 3. Zur Beantwortung der Frage, ob der Fortpflanzung und Weiter­verbreitung der Krankheit eine Infektion zugrunde liegt, wären Versuche an weiblichen neu entbundenen Tieren (Kaninchen, Hunden, Katzen, Kühen) anzustellen, von welchen man einzelne teils in. den mit Puerperal- kranken belegten Sälen, ja sogar in deren Betten unterbringen, teils durch Injektionen verschiedener, von Puerpereü gelieferten Sekrete (Lochien, Blut, Eier) in

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