Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
61 soeben mitteilten, sollte nur zu unserer Rechtfertigung gegenüber dem indirekt auch uns von Professor Skoda gemachten Vorwurfe dienen ........... V on diesen Tierversuchen veröffentlicht Professor Skoda 9, aus welchen wir jedoch keinen anderen Schluß ziehen können, als daß faulende tierische Stoffe, wenn sie in die Genitalien eines Tieres, welches kurz zuvor geworfen hat, in verhältnismäßig großer Quantität, zu wiederholten Malen und im flüssigen Zustande eingebracht werden, eine tödliche Pyämie hervorzurufen vermögen. Es leuchtet jedoch durchaus nicht ein, wie das Resultat dieser Versuche geeignet wäre, als Beweis für die Richtigkeit der von Dr. Semmelweis und Professor Skoda behaupteten Hypothese einer dem häufigen Erkranken der Wöchnerinnen zugrunde liegenden Leicheninfektion zu dienen; denn 1. werden deletäre Stoffe, wie sie ja an dem Finger des Untersuchenden haften, nie in so großer Menge und nie so oft nacheinander ihren schädlichen Einfluß geltend machen, wie es bei den von Dr. Semmelweis angestellten Experimenten der Fall war, bei welchen gewöhnlich Eiter, Jauche usw. zu wiederholten Malen, oft durch mehrere Wochen in die Genitalien der Kaninchen, welche kurz zuvor geworfen hatten, eingespritzt wurde. 2. Geschehen die Untersuchungen der Kreißenden in der Regel nur vor der Entbindung, also zu einer Zeit, wo die beschuldigten Verletzungen der Genitalien noch nicht platzgegriffen hatten, und Dr. Semmelweis hat es gänzlich unterlassen, die zu den Experimenten gebrauchten deletären Stoffe schon vor dem Wurfe in die Genitalien der von ihm benutzten Kaninchen einzubringen, was jedenfalls hätte geschehen sollen, um eine Analogie mit dem Vorgänge in den Gebäranstalten zu erzielen. 3. Ebenso können wir uns mit Professor Skoda durchaus nicht einverstanden erklären, wenn er das Puerperalfieber als jederzeit identisch mit Pyämie bezeichnet. Diese seine Ansicht soll in nächster Zeit von anderer Seite ihre Widerlegung finden, weshalb wir es nicht für nötig halten, hier weiter in diesen Gegenstand einzugehen, umsomehr, als Professor Skoda unterlassen hat, numerisch nachzuweisen, daß sich das Puerperalfieber in der Mehrzahl der Fälle wirklich als Pyämie charakterisiert. Solange dies aber nicht geschehen ist, so lange ist auch in Beziehung auf die Ermittlung der Ursache der häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen die Erfahrung ohne Wert, daß die Injektion deletärer Stoffe in die Vagina Pyämie hervorzurufen vermöge, eine Erfahrung, welche, nebenbei gesagt, zu ihrer Konstatierung nicht erst der von Professor Skoda so hoch angeschlagenen Versuche des Dr. Semmelweis bedurft hätte. Gibt es übrigens einen Punkt, rücksichtlich dessen wir ganz Professor Skoda’s Ansicht teilen, so ist es der, daß noch weitere und vielfältig abgeänderte Versuche an Tieren vorgenommen werden müssen. Daß dies unsere vollste Überzeugung ist, dafür möge der Umstand sprechen, daß wir im März des verflossenen Jahres, also zur selben Zeit, in welcher Dr. Semmelweis seine Experimente begann, die dringende Bitte an ein hohes böhmisches Landesgubernium stellten: es möge dafür Sorge tragen, daß durch vielfache und mit der nötigen Umsicht angestellte \ersuche an Tieren das über der Entstehungsweise der im Gebärhause zeitweilig auftretenden Puerperalfieberepidemien schwebende Dunkel einigermaßen aufgehellt werde, und damit sich ein jeder überzeuge, wie sehr uns dieser Gegenstand am Herzen liegt, lassen wir unser diesfälliges Gesuch hiermit wörtlich folgen: Hohes k. k. Landesgubernium! Bei dem häufigen und bösartigen Auftreten des Kindbettfiebers in der Prager k. k. Gebäranstalt erscheint die