Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
60 kranken Wöchnerinnen behandelt, welche teilweise auch in der Gebäranstalt geboren hatten, von da aber gesund entlassen wurden und erst nach längerem Aufenthalte in der Stadt erkrankten, aber diese Fälle glauben wir bei den obigen numerischen Angaben nicht in Betracht ziehen zu können, weil gewiß solche auch auf den Wiener Krankenhausabteilungen zur Behandlung kamen, aber in den bis jetzt veröffentlichten Berichten, als der Gebäranstalt fremd, unberücksichtigt blieben und bleiben mußten. Was nun den in der Prager Gebäranstalt beobachteten Erfolg der Chlorwaschungen anbelangt, so ist zu erwähnen, daß dieselben im Monate März 1848, wo das Puerperalfieber häufiger und bösartiger auftrat, zum ersten Male angeordnet und beharrlich während der zweiten Hälfte des Monates März, sowie auch in dem ganzen nachfolgenden Monate April durchgeführt wurden. Da sich aber, ungeachtet wir auch in dieser Periode die Sektionslokalitäten nur äußerst selten besuchten, die Zahl der Erkrankungen durchaus nicht minderte, so wurden die Chlor Waschungen des Experimentes wegen auf einige Zeit ausgesetzt und was diese, mit der größten Sorgfalt vorgenommenen und überwachten Waschungen nicht vermochten, das vollbrachte ein günstigerer Genius epidemicus: die Erkrankungen minderten sich plötzlich, so daß wir im Monate Mai auf 205 Wöchnerinnen nur 1 Todesfall zählten, während in den Monaten März und April, wo mit Chlorkalk gewaschen wurde, auf 406 Entbundene zufällig 81 Tote kamen. Daß diese Angaben streng wahrheitsgemäß sind, davon kann man sich einesteils durch die Einsicht in die Protokolle der Kranken- und Gebäranstalt überzeugen, anderes Teiles dürfte die gewissenhafte Überwachung von Seite des Direktors der Prager Krankenanstalten, des Herrn Dr. Riedl, hinlängliche Bürgschaft leisten, daß die erwähnten Waschungen mit dem gehörigen Ernste vorgenommen wurden. Nachdem wir uns nun die Überzeugung verschafft hatten, daß diese Maßregel nicht imstande sei, den einmal ausgebrochenen häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen Einhalt zu tun, lag es uns ob, zu erforschen, ob sie vielleicht zureiche, das Auftreten solcher Puerperalendemien im Gebärhause hintanzuhalten. Die Waschungen wurden daher anfangs Juni neuerdings eingeleitet und, ohne daß irgendeine Ursache nachweisbar gewesen wäre, erkrankten im Juni 21, im Juli 9, im August 26; von den ersten starben 9, von den zweiten 2, von den dritten 8. Wie sich diese auffallende Schwankung in der Zahl der Erkrankungen erklären ließe, wenn den Chlorwaschungen wirklich ein so großer Einfluß zukäme und die Häufigkeit der Erkrankungen nur durch die bei der Untersuchung stattfindende Leicheninfektion bedingt würde, vermögen wir, jedes zureichenden Anhaltspunktes entbehrend, nicht anzugeben. Nicht unerwähnt können wir es übrigens lassen, daß auf die Prager Gebäranstalt die von Dr. Semmelweis aufgestellte, von Professor Skoda verfochtene Hypothese schon deshalb keine Anwendung finden könne, weil daselbst einesteils nur äußerst wenige Mütter nach der Entbindung, während welcher die zur Aufnahme deletärer Stoffe disponierenden Verletzungen der Genitalien entstehen, untersucht werden, andernteils die im Gebärhause praktizierenden Schüler nur ausnahmsweise, oft im Verlaufe von mehreren Tagen gar nicht, mit Leichen in Berührung kamen, was gewiß jeder mit den Verhältnissen unserer Anstalt Vertraute bestätigen wird. Wir überlassen es unserem Nachfolger, dem gegenwärtigen Assistenten an der geburtshilflichen Klinik Dr. Seyfert, seine Erfahrungen über die von Dr. Semmelweis empfohlene Maßregel zu veröffentlichen; das, was wir