Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

56 Lebendigen führt. Diese billige Forderung wird forthin jede geburtshilfliche Klinik an ihre Zöglinge machen und ihnen die Gelegenheit dazu in den eigenen Waschtischen erleichtern. Wie gesagt, ich glaube an die Möglichkeit, und die Wiener Erfahrungen sind für mich vollkommen genügend, Vorsicht zu empfehlen; die eigenen verlange ich nicht. Es mag dieser Weg immerhin einer von den vielen sein, welcher zum Wochenbettfieber führt, der alleinige ist es gewiß nicht.” Im Dezember 1849 erhielt Semmelweis wieder einen lateinischen Brief vom getreuen Routh: „Dorset-Square, London, 3. Dezember 1849. Jam inventionis tuae fama ac veritas in existimatione publica accrescit, et inter omnes medicorum societates quam res est maxime utilis, percipiunt et agnoscunt, nec vero etiam temere, nam magna est veritas, et praevalebit.” (Der Ruf und die Wahrheit Deiner Entdeckung verbreitet sich immer mehr in der öffentlichen Meinung, und alle Arztegesellschaften sehen es ein und erkennen es an, wie nützlich dieselbe ist, und das geschieht nicht un­besonnen, denn groß ist die Wahrheit, und sie wird siegen.) Auch Dr. Bednar, Primararzt des k. k. Findelhauses in Wien, äußerte sich anerkennend in seinem Werke: „Die Krankheiten der Neugebornen und Säuglinge vom klinischen und pathologisch-anato­mischen Standpunkte bearbeitet. 1850.” Darin schrieb er:*) „Die Sepsis des Blutes bei Neugebornen ist jetzt eine große Seltenheit geworden, welches wir der folgereichen und der größten Beachtung würdigen Entdeckung des Doktor Semmelweis, emeritierten Assistenten der ersten Wiener Gebärklinik, zu verdanken haben, welcher die Ursache und die Verhütung des früher mörderisch wütenden Puerperalfiebers glücklich er­forscht hatte.” Dagegen hatte Professor Dr. Hermann Fr. Kilian von dieser Entdeckung offenbar noch gar nichts gehört. Er segelte — siehe den 2. Band seiner Geburtslehre — im Jahre 1850 noch immer im Fahr­wasser Osianders und des alten Busch, der in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Einfettung des Zeigefingers bei der inneren Untersuchung empfohlen hatte, um diese sanfter zu gestalten und zugleich um den Untersuchenden vor einer Infektion zu schützen! Osiander schrieb in Siebold’s Journal (VII. 1827) einen Artikel: „Wie können Geburtshelfer bei Entbindungen sich gegen die Ansteckung und andere schädliche Einwirkungen schützen ?” Daß es viel wichtiger sein könnte, die unglücklichen Frauen vor Infektion durch unreinliche Hände des Untersuchers zu schützen, daran dachte zu jener Zeit, am Kontinent wenigstens, niemand. Und Kilian selbst im Jahre 1850 nicht! Er schrieb: „Ehe man zur Untersuchung schreitet, wird stets der in die Vagina zu führende Teil der Hand sorgfältig mit einem schlüpfrig machenden Stoffe überzogen . . . Daß es außerdem jetzt von vorzüglichem Nutzen ist, alles was *) Ätiologie, p. 69.

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