Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

57 zur nachfolgenden Reinigung der Hand erforderlich ist, in Bereitschaft zu halten, leuchtet von selbst ein.” Der Desinfektion mit Chlorkalk erwähnt Kilian mit keinem W orte. Möglich, daß er doch in der folgenden Zeit von Semmelweis’ Bestrebungen zu hören bekam, denn nun begann der wissenschaftliche Streit äußerst lebhaft zu werden. Skoda’s öffentliches Auftreten für Semmelweis hatte wie eine Bombe gewirkt. Leider nicht zugunsten der Semmelweis’schen Lehre, tberall entstand die Meinung, Semmelweis sehe in jedem Puerperal­fieber eine Leicheninfektion, und Skoda’s unwillige Worte über die Prager ärztliche Gebärklinik hatten der Sache einen neuen Feind gezüchtet — den Dozenten Dr. Scanzoni, gewesenen Assistenten dieser Klinik. Dieser erwartete sich a priori nichts von der neuen Heilslehre, denn über das Wesen des Puerperalfiebers dachte er ganz anders. In der Prager Vierteljahrschrift vom Jahre 1846 (Bemerkungen über die Genesis des Kindbettfiebers) hatte er gesagt: Die conditio sine qua non sei die fibrinöse Krase des Blutes, welche, wenn sie sich zu einem höheren Grade steigere, die nächste Entstehungsursache und folglich das Wesen des gemeinen Puerperalfiebers darstelle. Sie entstehe unter Einflüssen kosmischer und tellurischer Verhältnisse. Keineswegs aber gebe die während der Geburt an der Placentarstelle stattfindende Verwundung der Gebärmutter die eigentliche Ursache zum Entstehen des PuerpSralfiebers ab. Scanzoni war nicht der Mann, innerhalb vier Jahren seine wissenschaftliche Überzeugung zu ändern. Ja, wenn er selbst die Ent­deckung gemacht hätte! Aber die Entdeckung eines anderen, eines jugendlichen Konkurrenten, die mußte entschieden bekämpft werden. „Wir” haben uns über die Sache schon klar geäußert, „wir” bleiben dabei. Zugestehen, daß wir uns geirrt? Kindische Frage! Da würde doch „unsere” wissenschaftliche Autorität leiden. Wir haben immer Recht. So betrieb denn Scanzoni von Anfang an die Chlorwaschungen auf seiner Klinik sehr lässig und als der nicht gewünschte Erfolg tatsächlich ausblieb, festigte sich seine Überzeugung um so mehr. Er hatte wieder Recht gehabt. Nun kam Skoda’s Vortrag, sein Vorwurf gegen die Prager Klinik. So ein Unterfangen! Noch dazu von einem, der gar nicht Fach­mann ist! Scanzoni’s Antwort erschien alsbald in der Prager Vierteljahrs­schrift für praktische Heilkunde vom Jahre 1850. „Nachdem schon früher im IV. Jahrgange der Zeitschrift der Gesell­schaft der Wiener Ärzte von der Redaktion derselben auf die Ersprießlich­keit der von Dr. Semmelweis empfohlenen Chlorkalkwaschungen behufs der Hintanhaltung des so häufigen und bösartigen Auftretens des Puerperalfiebers in Gebärhäusern aufmerksam gemacht wurde, hielt es Professor Skoda neuerdings für notwendig, das Augenmerk der kaiserlichen Akademie der W issenschaften

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