Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
55 hatte. Er glaubt nämlich, daß viele Puerperalfieber dadurch erzeugt worden sind, daß die Studierenden, nachdem sie Leichenöffnungen vorgenommen hatten, mit nicht sorgfältig gereinigten Händen touchierten. In der Tat ist es auffallend, daß sich die große Sterblichkeit erst eingefunden hat, seitdem hier mit Eifer pathologische Anatomie getrieben wird, und daß sie auf der zweiten Abteilung des Gebärhauses aufgehört hat, seitdem diese ausschließlich für den Unterricht von Hebammen, die keine Leichenöffnungen vornehmen, bestimmt ist. Es hat mir nun die Akademie der Wissenschaften aufgetragen, mich näher um diesen Gegenstand zu kümmern, und ich erlaube mir deshalb im Interesse der Wissenschaft und der Humanität an Sie die Frage zu stellen, ob sich in Ihrer Anstalt oder in der vom Herrn Geh. Rat Professor Busch irgendwelche Erscheinungen gezeigt haben, welche geeignet sind, die Ansicht des Dr. Semmelweis zu unterstützen.” Brücke spricht in diesem Briefe nur von Leicheninfektion — das war die natürliche Folge von Skoda’s Vortrag. Schmidt antwortete, er könne zu seinem Bedauern nicht mehr sagen, als daß er an die Möglichkeit einer Leicheninfektion glaube.*) In den Annalen des Charite-Krankenhauses zu Berlin, Jahrgang I, Heft 3, 1850 äußerte sich Schmidt**) dann ausführlicher über die Frage. Eine regelmäßige Geburt, zumal bei einer Erstgebärenden, sei oft ein recht langwieriger Prozeß, der an die Geduld der Studierenden große Anforderungen stelle. „Sehr bequem zustatten kommt daher in dieser Beziehung der Umstand, daß die Gebäranstalt mit mehreren anderen klinischen Instituten unter einem Dache liegt. Die Studierenden der Geburtshilfe gehen daher abwechselnd in eine medizinische oder chirurgische, oder in eine der Spezialkliniken, und kehren in den Zwischenpausen derselben zurück, um sich von etwaigen Fortschritten zu überzeugen, oder auch sie gehen ins Leichenhaus, um sich schnell rufen zu lassen, wenn wesentliche Veränderungen eintreten. Dieses Alternieren zwischen beiden Polen des Lebens, zwischen der Wiege und der Bahre, führt mich zu einer Episode; ich meine die in Öffentlichen Blättern vielfach besprochene Semmelweis’sche Wahrnehmung und V ermutung .......... D ie einzige direkte Tatsache, die ich nach hiesigen Erfahrungen bringen konnte, war jene oben bemerkte auffallende Antithese — —• Der relative Gegensatz der Hebammen und Geburtshelfer hat zwar auch hier stets bestanden, aber bis zum Jahre 1816 nicht in bestimmter räumlicher Scheidung; auf einen Unterschied in den Sterblichkeitsverhältnissen beider Abteilungen ist wohl überdies nicht so genau geachtet, weil man erst durch Semmelweis auf diese Fährte gekommen ist. Dieser hat die Probe an Kaninchen gemacht, an Menschen wird man sie nicht machen dürfen, und eben deshalb sind nachträgliche direkte Erfahrungen unmöglich, ^ zumal Semmelweis selbst mit der hypothetischen Ätiologie zugleich die ziemlich sichere Prophylaxis im unterchlorichtsauren Natron gebracht hat. Jeder kann, wird und muß sich durch dieses desinfizieren, wenn er in den Eingeweiden der Leichen gearbeitet hat, bevor er seine Hand in die Eingeweide dci *) Ätiologie, p. 461. **) Ätiologie, p. 459.