Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)
1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien
Oktober und November 1817, durch deren Erkennung Semmelweis seine Lehre in bedeutender Weise erweitert hatte. Für ihn waren Erzeuger des Kindbettfiebers: Leichengift und faulende Substanzen oder Flüssigkeiten, welche von lebenden Organismen herrührten. Skoda hingegen sprach wohl im allgemeinen von „faulenden tierischen Substanzen”, „faulenden oder Fäulnis erregenden Substanzen”, aber er fügte hinzu, Semmelweis habe „den einzig möglichen Weg der Übertragung einer faulenden tierischen Substanz auf die Geburtsteile der Wöchnerinnen” in dem Umstande erkannt, daß die Ärzte sich mit Leichenuntersuchungen beschäftigten. Dies war unrichtig, dies war Semmelweis’ ursprünglicher Standpunkt, dessen Einseitigkeit er bald erkannt hatte. Aber der Irrtum von der Leicheninfektion als der einzig möglichen Ursache war ausgesprochen, er flatterte hinaus in alle Welt. Sollte Semmelweis den Irrtum berichtigen? Seinen edlen Gönner berichtigen? Nein, da schwieg er lieber, wie er zu Hebra’s Irrtümern geschwiegen hatte. Das kam davon, daß er es immer anderen überließ, seine Lehre zu verkündigen! Hebra druckte als Redakteur der Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien im 6. Jahrgang derselben (1850, p. 107) Skoda’s Vortrag vollinhaltlich ab, indem er einleitend sagte, er glaube, dies tun zu müssen, „sowohl im Interesse der leidenden Menschheit, als auch der Wissenschaft, als endlich der Entbindungärzte selbst”, und zum Schlüsse sich erlaubte, „alle Herren Kollegen und Redakteure wissenschaftlicher Journale um Aufnahme dieser Abhandlung in deren geschätzte Blätter zu ersuchen, um dieser so wichtigen Entdeckung die möglichste Ausbreitung und Bekanntmachung angedeihen zu lassen.” Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften ließ Skoda’s Vortrag in ihre Sitzungsberichte (Oktoberheft des Jahrganges 1849) aufnehmen und außerdem noch einen besonderen Abdruck anfertigen. Gleichzeitig stellte Skoda den Antrag, die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse möge den Professor der Physiologie Ernst Brücke auffordern, mit Dr. Semmelweis gemeinsam weitere Versuche an Tieren anzustellen und zu diesem Zwecke beiden Forschern 100 fl. CM. anweisen. Skoda’s Antrag wurde angenommen und Brücke erklärte sich bereit, mit Semmelweis die Tierversuche fortzusetzen. An den ihm bekannten Geburtshelfer, Professor Joseph Hermann Schmidt in Berlin schrieb Brücke nun folgenden Brief:*) „In der hiesigen Gebäranstalt sind seit einer Reihe von Jahren sehr viele Wöchnerinnen am Puerperalfieber zugrunde gegangen, und zwar nur auf der Abteilung, welche von den Studierenden besucht wurde, während die Sterblichkeit auf der Lehrabteilung der Hebammen gering war. Dieser großen Sterblichkeit hat Dr. Semmelweis dadurch Einhalt getan, daß er keinen Studierenden während und nach der Geburt zum Touchieren zuließ, ehe er sich mit einer Lösung von unterchlorichtsaurem Natron gewaschen ) Ätiologie, p. 460.