Schürer, Fritz von Waldheim dr.: Ignaz Philipp Semmelweis (Wien-Leipzig, 1905)

1846-1850. Assistent in Wien. Entdeckung der Ursachen des Kindbettfeiebers. Erfolge und Verfolgungen. Dozent. Abreisen von Wien

46 „Von den im Jahreslaufe in der Gebäranstalt Verpflegten starben daher 1'2% der Weiber und 3‘6% der Kinder. Vergleicht man diese Verhältnisse mit jenen des vorigen Jahres 1847, so ergibt sich, daß die Zahl der verpflegten Weiber im Jahre 1848 um 56 größer ist, um 75 Geburten mehr vorfielen, dagegen um 119 Weiber und um 34 Kinder weniger gestorben sind, das Sterblichkeitsverhältnis der Weiber, das im Jahre 1846 7T% betrug, und im Jahre 1847 auf 2'8% herabsank, sich abermals um P6% besser gestellt hat, und selbst bei Kindern um 0‘5°/o günstiger geworden ist. Das SterblichkeitsVerhältnis auf beiden großen Gratisabteilungen der Gebäranstalt ist fast ein gleiches und muß in jeder Beziehung als ein befriedigendes genannt werden. Seit Jahren bestand jedoch eine bedenkliche Verschiedenheit. Die unter Leitung des Professor Klein befindliche I. Gebärklinik, welcher aus­schließlich alle männlichen Schüler zugewiesen sind, hatte eine auffallend große Sterblichkeit gegen Professor Bartsch’s Schule, an der sämtliche Hebammen Unterricht hatten. Die Gründe dieser höchst beunruhigenden Erscheinung konnten nie mit Sicherheit ermittelt werden. Das große Verdienst ihrer Entdeckung gebührt dem emeritierten Assistenten der I. Gebärklinik, Dr. Semmelweis. Von der Vermutung- geleitet, daß die zahlreichen Erkrankungen und Todesfälle unter den Wöch­nerinnen der I. Gebärklinik vielleicht zum großen Teile in einer Einbringung von Leichengift durch das Touchieren der gleichzeitig in der Sektions­kammer beschäftigten Studierenden und Geburtsärzte bedingt sein könnte, und dieses durch die bisher übliche Reinigung mit Seifenwasser nicht mit vollkommener Sicherheit hintangehalten werde, ließ er im Mai d. J. (1847) mit Zustimmung Professor Klein’s jeden die Gebäranstalt betretenden Arzt und Schüler vor jeder ersten Untersuchung einer Gebärenden oder Wöchnerin die Hände sorgfältig mit Chlorkalklösung reinigen und diese Reinigung nach jeder Untersuchung einer nur im geringsten Grade kranken Wöchnerin wieder­holen. Die konsequente Durchführung dieser Maßregel hatte schon in den ersten Monaten überraschende Erfolge. Die Zahl der Todesfälle verminderte sich bereits im Jahre 1847 bei fast gleicher Anzahl der Geburten um 283, und sank von 11*4% auf 5*04%; im Verlauf vom Jahre 1848 aber, wo diese Reinigung durch alle Monate beharrlich und'methodisch fortgesetzt wurde, stellte sich das Sterb­lichkeitsverhältnis dem auf der II. Gebärklinik gleich, ja zufällig noch um 0-1% günstiger. Und was dem unbefangenen Prüfer dieser Zahlen unabweisbar sich aufdringt, das haben direkte Versuche an Tieren (Einspritzungen von Eiter und Jauche in die Scheide von eben entbundenen Kaninchen), welche von den Doktoren Semmelweis und Lautner vor kurzem angestellt wurden und nach vollem Abschlüsse veröffentlicht werden sollen, außer allen Zweifel gestellt. Die Bedeutung dieser Erfahrung für die Gebäranstalten, für die Spitäler überhaupt, insbesondere die chirurgischen Krankensäle, ist eine so unermeßliche, daß sie der ernstesten Beachtung aller Männer der Wissenschaft würdig erscheint und der gerechten Anerkennung der hohen Staatsverwaltung gewiß sein darf.” Hier wird zum ersten Male auf die unermeßliche Bedeutung der Semmelweis’schen Lehre für die Chirurgie hingewiesen.

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